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Sicherheitsrisiko Fußball-WM

Überfordert die Weltmeisterschaft das Gastgeberland Brasilien?

Donnerstag, 12 Juni 2014 20:36 geschrieben von  Jens Hastreiter
Flagge Brasiliens Flagge Brasiliens

Zürich - Alle Welt blickt auf Brasilien und erwartet eine heitere und unbeschwerte Fußball-WM. Doch im Land selbst ist die Sicherheitslage bedenklich.

Große Teile der Bevölkerung stehen der Weltmeisterschaft unverhohlen ablehnend gegenüber. Grund dafür ist die prekäre soziale Lage in dem Land, das in den vergangenen Jahren meist durch einen Wirtschafts-Boom auf sich aufmerksam machte. Zwischen 2004 und 2011 unter dem legendären Präsidenten Lula hatte sich das Bruttoinlands-Produkt (BIP) vervierfacht, unter seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff herrscht dagegen Stillstand bis Rückschritt. Lag das BIP pro Kopf 2011 noch bei fast 12.700 US-Dollar, dürften es dieses Jahr nur gut 11.000 werden, etwa ein Viertel des Wertes von Deutschland.

Seit Wochen lebt Rio de Janeiro praktisch im Ausnahmezustand. Alle Einheiten der Zivilpolizei und der Armee sind damit beschäftigt, Ordnung zu halten. Wegen der immensen Kosten für die WM richtet sich der Zorn vieler Brasilianer auch gegen die Weltmeisterschaft selbst. Die Demonstranten werfen der Regierung vor, viel Geld in Prestigeprojekte zu stecken und wichtige andere Aufgaben zu vernachlässigen.

So provoziert die teure Renovierung des Granja Comary-Trainingslagers in Teresópolis viele Menschen. Zu dem Komplex gehören 39 Einzelzimmer mit „King Size“-Betten und mehrere Fußballfelder, auf denen Trainer Luiz Felipe Scolari mit seinen Spielern trainieren will. In anderen Bereichen dagegen versagte die Organisation, viele Baustellen und Stadien sind noch nicht fertiggestellt. Der Fußballweltverband FIFA ist darüber beunruhigt und sichert sich bereits finanziell gegen die Folgen dieser Entwicklung ab.

Um die zu erwartenden Proteste und die Kriminalität wenigstens während der WM im Griff zu bekommen, hat sich das Land inzwischen in eine Festung verwandelt. 150.000 Polizisten und 57.000 Soldaten sichern die Weltmeisterschaft, sogar Kampfjets und Kriegsschiffe kommen zum Einsatz.

Ende Mai kam es in der Hauptstadt Brasilia zu tumultartigen Protesten von etwa 2.500 WM-Gegnern. Wegen der Demonstrationen wurde sogar die Ausstellung des WM-Pokals, der sich damals in Brasília befand, aus Sicherheitsgründen unterbrochen.

Die Kriminalität ist im ganzen Land im Steigen begriffen. Nach aktuellen Statistiken lag die Mordrate 2012 so hoch wie seit 1980 nicht mehr. Mit 29 Morden auf 100.000 Einwohner weist Brasilien eine der höchsten Quoten weltweit aus.

In verschiedenen Armenvierteln von Rio de Janeiro sind  Zivilpolizei, Armee und Militärpolizei seit Wochen durchgehend in Alarmbereitschaft. Denn bei den Konfrontationen zwischen Polizei und Drogenbanden sterben häufig nicht nur Unbeteiligte; seit Jahresbeginn kamen auch mehrere Polizisten ums Leben.

Allein  im März wurden in der berüchtigten Favela Complexo do Alemão drei Polizisten von Schüssen getroffen. Bisher wurden allein in Rio de Janeiro 25 Beamte der UPP (Unidade Pacificadora da Policia) verletzt. Die Anzahl an Todesopfern durch Schusswaffen erreichte eine Rekordzahl. In der Favela Complexo do Alemão waren es bisher vier.

Brasilien hat sich um die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft aus freien Stücken beworben und auch den Zuschlag für die Olympischen Spiele in zwei Jahren erhalten. Wie sich inzwischen zeigt, stellt die Ausrichtung der beiden Großveranstaltungen das Land allerdings vor Herausforderungen, die schwer kalkulierbar sind.

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