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Noch bis zum 25. August: Aktfotografien im Jugendstil

Aktfotografie-Ausstellung: „Die nackte Wahrheit und anderes“ in Berlin

Dienstag, 12 August 2014 12:09 geschrieben von  Rüdiger Dietrich
Aktfotografie - ZWEI FRAUEN AUF EINEM KARUSSELL- SCHWEIN - Um 1900 (Fotograf unbekannt), Silbergelatinepapier Aktfotografie - ZWEI FRAUEN AUF EINEM KARUSSELL- SCHWEIN - Um 1900 (Fotograf unbekannt), Silbergelatinepapier © Collection GERARD LEVY, Paris

Magdeburg - Nicht nur in der Antike herrschte eine ungezwungene künstlerische Darstellungen des menschlichen Körpers vor, auch die vergangenen Jahrhunderte ließen der nackten Darstellung, wie die Natur den Menschen schuf, Raum, ob unter den Bildhauern oder in der Malerei. Es sei in diesem Zusammenhang nur auf Michelangelos Statuen oder die weiblichen Akte Rubens als nicht wegzudenken in der Kunstgeschichte hingewiesen. Doch erst mit der Fotografie wurde erstmals die Möglichkeit gegeben, den enthüllten Körper in Massendarstellung zu präsentieren, was auch geschah, wie an einer baldigen Inflation von Zeitschriften, Postern und Sammelbildern ersichtlich ist. In der Jugendstilphase um die Jahrhundertwende erreichte die Aktfotografie einen ersten kunstgeschichtlichen Höhepunkt.

Die gesellschaftliche Entwicklung, wie beispielsweise das Aufkommen der Lebensreform-Bewegung begünstigten diese Entwicklung. Es begann ein neues Nachdenken über die Selbstsicht, Kleidung und Körper, Sport und ästhetische Körpervorbilder, das sich in der gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit sich selbst in facettenreichem Anschauungsmaterial niederschlug. Der antiken Aufforderung „nosce te ipsum“, sprich „erkenne dich selbst“, wird auf künstlerische Weise versucht, nachzugehen. Das Körperliche rückt in den Mittelpunkt und beginnt auf vielfältigste Art und Weise verarbeitet zu werden, von erotisch konnotierten Darstellungen sinnlich-idyllischer arkadischer Vorstellungswelten über sachliche anatomische und anthropologische Ethnofotografien bis hin zu sportlich-dynamischen Bewegungsabläufen. Nicht selten dienten die Jugendstil-Akte als wissenschaftliches Anschauungsmaterial oder Anleitungen, so daß überwiegend die Studienperspektive eine voyeuristische Betrachtungsweise in den Hintergrund drängte. So war dieser nun bereits über hundertjährige Höhepunkt der Aktdarstellung in seinem Facettenreichtum möglich, obwohl das Kaiserreich Darstellungen untersagte, die das Schamgefühl gröblich verletzten.

Das Berliner Museum für Fotografie Link widmet diesem Genre eine eigene Ausstellung unter dem treffenden Motto „Nackte Wahrheiten und anderes“, die noch diesen Monat bis zum 25. August von Dienstag bis Sonntag jeweils 10.00 – 18.00 Uhr in der Jebenstraße 2 zu besichtigen ist. Neben Kurzfilmen aus den Anfangstagen der Cinematographie wartet die Ausstellung mit über 250 Aktfotografien auf, die nackte Wahrheiten in akrobatischem Ringen, dynamischem Tanz, erotischem Liebesspiel oder medizinischer Darstellung zeigen. Für den heutigen mit teils ins pornographische reichenden Aufdringlichkeiten reizüberfluteten Betrachter dürfte nicht allein die vergleichende Betrachtung hinsichtlich des ästhetischen Empfindens, sondern auch die Einbindung vieler seinerzeitiger Akte in einen obszönitätsfernen interpretationsbedeutsamen Kontext von Interesse sein.

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