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Rückkehr der Geopolitik

Alexander Dugin über die „Konflikte der Zukunft“

Sonntag, 26 April 2015 05:08 geschrieben von  Johann W. Petersen
Alexander Dugin über die „Konflikte der Zukunft“ Quelle: Bonus Verlag

Berlin - Der Einfluss des Politologen Alexander Dugin auf die russische Politik wird bei uns oft überschätzt. Das ist allerdings oftmals nicht Folge eines Irrtums, sondern soll dazu dienen, Wladimir Putin zu diskreditieren. Dugin vertritt in den Augen vieler Beobachter einen imperialen Ansatz, dem man nur allzu gerne auch dem russischen Präsidenten unterstellt. Da trifft es sich gut, wenn man jemanden wie Dugin kurzerhand zu einem Einflüsterer Putins erklären kann. Nichtsdestotrotz ist es sinnvoll, sich einmal mit den Gedanken des früheren Soziologie-Professors an der Moskauer Lomonossow-Universität auseinanderzusetzen, denn nicht alles, was er schreibt, ist von der Hand zu weisen.

Dugins Überlegungen gründen auf dem Eurasismus, einer philosophisch-geopolitischen Denkschule, die in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von russischen Exilanten um Nikolai Trubetzkoy entwickelt wurde und in deren Zentrum die Vorstellung von einem fundamentalen Gegensatz zwischen der Kontinentalmacht Russland und den angelsächsischen Seemächten steht. Nach Dugin besteht ein fortdauernder Konflikt zwischen beiden Polen in geostrategischer, aber auch ideologischer Hinsicht: Globalisierung und Universalismus versus multipolare Weltordnung und Bewahrung der jeweils kulturellen Eigenarten.

Abgrenzung zum Nationalismus

Mit dem Buch „Konflikte der Zukunft. Die Rückkehr der Geopolitik“ hat der zur Verlagsgruppe Lesen & Schenken zählende BONUS Verlag nun ein auf etwas über 180 Seiten gestrafftes Exzerpt des geopolitischen Denkens Alexanders Dugins in deutscher Sprache vorgelegt. Der Rest des insgesamt 256-seitigen Buches dokumentiert verschiedene Interviews, die der Chefredakteur des ebenfalls im Hause Lesen & Schenken beheimateten Magazins „Zuerst!“, Manuel Ochsenreiter, mit dem Autor führte.

Im Zentrum von Dugins Kritik steht der globale Führungsanspruch des westlichen Liberalismus und Kapitalismus, die er als größte Bedrohung für die Völker der Welt ansieht. Die USA identifiziert er als Träger dieser Ideologien; sie seien bestrebt, den Führungsanspruch des Liberalkapitalismus entweder mit Verlockungen, subversiven Methoden wie „Farbenrevolution“ oder mit offener militärischer Gewalt weltweit durchzusetzen. Wer sich dem Diktat des Finanzkapitals, der Freihandelsdoktrin oder Vorstellungen wie Gender Mainstreaming nicht freiwillig unterwerfe, werde mit inszenierten Volksaufständen und Krieg überzogen, so Dugin mit Blick auch auf den Ukraine-Konflikt.

Als Alternative zu dieser Globalisierung nach US-amerikanischem Muster skizziert Dugin seine „Eurasische Idee“, die vom Großraumkonzept Carl Schmitts inspiriert ist. Hierzu schreibt er: „Die Eurasische Idee verbindet in sich alle globalisierungskritischen Ansätze. Der Eurasismus lehnt das westliche Weltbild, wonach der Planet in ein Zentrum (Angelsächsische Welt und Europa) und abgelegene Außengebiete (Südamerika, Afrika, Asien) gegliedert ist, strikt ab. Stattdessen sieht die Eurasische Idee die Welt als eine Sammlung gänzlich verschiedener politisch-kultureller und wirtschaftlicher Lebensräume, die miteinander korrespondieren.“

Dugin hält die internationale Ordnung mit den Nationalstaaten als souveränen politischen Akteuren, das „System des Westfälischen Friedens“, für obsolet. Faktisch läge die wirkliche Macht schon längst bei ganz anderen – überstaatlichen oder auch ökonomischen – Strukturen. Da er diese Ordnung auch für nicht mehr reinstallierbar hält, plädiert er für ein System der internationalen Beziehungen mit „Zivilisationen“ als neuen Akteuren (den Begriff übernimmt er von Samuel Huntington, deutet ihn jedoch gemäß seiner Sicht um).

In Abgrenzung zum Nationalismus schreibt Dugin in seinem Buch: „Die multipolare Welt betrachtet die Souveränität der existierenden Nationalstaaten nicht als heilige Kuh, weil diese Souveränität auf rein juristischer Grundlage basiert und durch kein ausreichend starkes militärisches und politisches Potential gestützt wird.“ Wirkliche Souveränität könne unter den gegebenen Umständen „einzig und allein ein Block oder eine Koalition von Staaten beanspruchen“.

Globalisierungskritik mit Stärken und Schwächen

Neben der westlichen Zivilisation (Nordamerika und Westeuropa) sieht Dugin sechs weitere Zivilisationen, nämlich die orthodoxe bzw. eurasische (die heutigen GUS-Staaten sowie Teile Ost- und Südeuropas), die islamische (Nordafrika, West- und Zentralasien sowie Teile der Pazifikregion), die chinesische (China, Taiwan und die ASEAN-Staaten), die indische (Indien, Nepal und Mauritius), die lateinamerikanische (Süd- und Mittelamerika) und die japanische (Japan). Nicht berücksichtigt ist in diesem Modell Afrika, das Dugin als „potentielle Zivilisation“ ansieht, die noch Zeit brauche, um sich voll zu entwickeln und die weltpolitische Bühne zu betreten.

Für jene Zivilisationen, die neuen „Pole der multipolaren Welt“, hält er dabei fest, dass sie souverän und „von formalem juristischem Standpunkt aus“ mit einem

Legalen Machtzentrum versehen sein müssten. „Die Zone, in der eine Zivilisation ihre Herrschaftsgewalt ausübt und die geltenden Spielregeln festhält, muss differenziert sein und die ethnische und konfessionelle Zusammensetzung ihrer Bevölkerung angemessen berücksichtigen“, schreibt Dugin. Von der Idee eines „Kampfes der Kulturen“, wie ihn Huntington vor allem Blick auf den Islam heraufdämmern sah, ist der russische Intellektuelle eben doch meilenweit entfernt. Neben den konfessionellen Gruppen müssten auch die sozialen Schichten in der jeweiligen „Zivilisation“ angemessen repräsentiert und „legal vertreten“ sein. Sein Ziel ist letztendlich ein Neben- und Miteinander statt eines Gegeneinanders der Zivilisationen und auch der Bevölkerungsgruppen innerhalb einer Zivilisation.

Von globalisierungskritischen Aspekt her spricht durchaus einiges für Dugins Vorstellungen, ob jedoch der Nationalstaat allzu früh abgeschrieben werden sollte, ist fraglich. Problematisch ist auch, dass Dugins Modell die „Starken“, also die bestimmenden, zentralen Völker innerhalb einer „Zivilisation“ gegenüber den „Schwachen“, die immer in einer Art Abhängigkeit bleiben, begünstigt. Er meint sogar, dass die Zivilisationen „keine Rücksicht auf die Grenzen der bestehenden Nationalstaaten“ nehmen könnten. Dem steht entgegen, dass der Wunsch nach nationaler Unabhängigkeit gerade in den postsowjetischen Staaten Osteuropas stark ausgeprägt ist. Doch auch in Westeuropa geht der Trend – siehe Katalonien, siehe Flandern – eher in Richtung kleinräumiger Strukturen.

 

Alexander Dugin: Konflikte der Zukunft. Die Rückkehr der Geopolitik
BONUS, 256 Seiten, geb., € 19,95
ISBN 978-3887412913

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