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Ronald B. Schill

Bekenntnisse eines Polit-Hasardeurs

Dienstag, 09 September 2014 18:56 geschrieben von  Johann W. Petersen

Hamburg - Der einstige „Richter Gnadenlos“ spätere Hamburger Innensenator Ronald Schill galt vielen Menschen als politischer Hoffnungsträger. Aus dem Stand erreichte die von ihm nur wenige Monate zuvor gegründete Partei Rechtsstaatlicher Offensive im Jahr 2001 bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen 19,4 Prozent, wurde Koalitionspartner von Ole von Beusts CDU und hegte sogleich bundespolitische Ambitionen.

Der tiefe Fall folgte schon zwei Jahre später, nachdem Schill versucht hatte, von Beust mit einem angeblichen Verhältnis, das dieser mit seinem Parteifreund Roger Kusch, damals Justizsenator, gehabt haben soll, zu erpressen. Beide Politiker bekannten sich offen zu ihrer Homosexualität. Schill flog nicht nur aus dem Senat, sondern auch seiner eigenen Partei; der Versuch, mithilfe des Börsenexperten Bolko Hoffmann und dessen Pro-DM-Partei wieder Fuß zu fassen, scheiterte kläglich. Er wanderte nach Südamerika aus, irgendwann tauchte ein Koks-Video des früheren Innensenators auf, nun flimmerte er bei „Promi Big Brother“ wieder über die Bildschirme. Schill wollte hoch hinaus und landete letztendlich – nicht nur sprichwörtlich – im Keller.

Für den Boulevard ist das einstige entfant terrible der Hamburger Politszene immer noch Gold wert. Daher ist nun sogar schon eine eigene Talkshow für Schill im Privatfernsehen im Gespräch. Unterhaltungswert hat der skandalumwitterte Ex-Politiker, der heute in einer Favela am Rande von Rio de Janeiro lebt, durchaus. Das muss man auch bei der Lektüre seiner Autobiografie, die soeben unter dem Titel „Der Provokateur“ erschienen ist, eingestehen. Schill lässt den Leser darin nicht nur teilhaben an seinen zahlreichen Affären vor, während und nach seiner Zeit als Hamburger Innensenator, sondern bietet auch andere intime Einblicke, beispielsweise in das Innenleben seiner früheren Partei oder die Hamburger Schickeria, als deren Teil er sich stets begriffen hat.

Schon im ersten Satz gibt er zu, dass er immer ein Hedonist war und bis heute geblieben ist. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um als Führungsfigur einer wertkonservativen Formation, als die sich die Schill-Partei verstanden hat, zu reüssieren, aber immerhin ein offenes und ehrliches Bekenntnis. Nur hätte man es gerne vorher wissen wollen.

 

Erfolge und Skandale

Fragt man sich, was von Schills Amtszeit als Innensenator geblieben ist, fallen einem wohl nur die blauen Polizeiuniformen ein, die er im Alleingang eingeführt hatte. Dabei gab es durchaus nicht nur Skandal-Schlagzeilen, sondern auch Erfolgsmeldungen. So ging die Zahl der erfassten Straftaten in Hamburg 2002 um 15,5 Prozent zurück, was er in seinem Buch entsprechend groß herausstellt und wozu er ausführt: „Der Rückgang war einzigartig in Deutschland. Nur München hatte ebenfalls einen Rückgang zu verzeichnen und zwar in Höhe von 4,1 Prozent. In allen anderen Großstädten war die Kriminalitätsrate gestiegen. Hamburg war schon nach einem Jahr meiner Regierungstätigkeit nicht mehr Hauptstadt des Verbrechens.“ Mittlerweile hat sich dieser Trend wieder umgekehrt.

Wesentlich härter geht Schill, für den Selbstkritik offenbar ein Fremdwort ist, mit früheren politischen Weggefährten ins Gericht, insbesondere mit seinem Nachfolger als Innensenator und Parteichef, Mario Mettbach. Diesen verhüllt er in seiner Biografie nur unzureichend als „Hackfluss“, wohl auch, um ihn nachträglich noch einmal der Lächerlichkeit preiszugeben. Mettbach, der erste und bislang einzige Sinto in einem Ministeramt, muss bei Schill als Universal-Sündenbock herhalten. Sogar für seinen Sturz soll eine Intrige des früheren Berufsoffiziers der Bundeswehr verantwortlich sein.

Unter der wenig schmeichelhaften Kapitelüberschrift „Der Pakt mit dem Zigeuner“ stellt Schill seinen früheren Mitstreiter als zwar begabten, aber durchtriebenen Scharlatan dar, der „den Keim für die Zerstörung meines politischen Lebenswerkes gleichermaßen in sich trug“. Weiter schreibt er über Mettbach: „Er war aus meiner Sicht eine Verräterseele. Er würde mir den Rücken nur so lange frei halten, wie es ihm nützt. Danach würde er mir den Dolch in denselben stechen, um endlich meinen Platz einzunehmen.“ Das alles will Schill schon frühzeitig geahnt haben. Stellt sich nur die Frage, warum er ihn dann gewähren ließ. Die Antwort: Mettbach habe ihm „das operative Geschäft“ abgenommen, das ihm selbst „jegliche Kreativität“ geraubt hätte, die er „für den politischen Kampf“ doch so dringend benötigte.

 

Tiefer Fall

So geht es munter weiter. Überall, wo Schill vermeintliche Ungerechtigkeiten widerfuhren, soll Mettbach nicht weit gewesen sein. Und auch Ole von Beust soll seinem „Königsmacher“ in den Rücken gefallen sein, nachdem dieser am 29. August 2002 in seiner Eigenschaft als Mitglied des Bundesrates bei einer Rede zur Fluthilfe einen Eklat produzierte, der wohlüberlegt war und den Bundestagswahlkampf der Schill-Partei einläuten sollte.  Der Hamburger Innensenator nutzte seine Rede nicht nur dafür, die deutsche Zuwanderungspolitik zu kritisieren, sondern weigerte sich nach Überschreitung der Redezeit zudem, an seinen Platz zurückzukehren. Schills Auftritt führte zu einer Koalitionskrise in Hamburg, denn von Beust missbilligte seinen Auftritt. In seiner Autobiografie bezeichnet Schill von Beust als „Spielverderber“, weil er verhindert habe, dass er Bundestagsvizepräsidentin Anke Fuchs, die ihm das Mikrofon abgedreht hatte, wegen Verfassungsbruchs verklagen konnte. Schill wollte sich auf  Art. 43 Abs. 2 S. 2 GG berufen, der nach seiner Meinung Bundesratsmitgliedern unbegrenzte Redezeit zugestehe. „Diese Klage konnte ich nur als Mitglied des Bundesrates führen und Ole drohte mir für diesen Fall mit dem Entzug aller Ämter“, heißt es in seinem Buch. Fortan sei das „Vertrauensverhältnis“ zwischen ihm und dem Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg zerrüttet gewesen. Es folgten sein missglückter Erpressungsversuch und die Abschiebung ins politische Abseits.

Der steile Aufstieg und der tiefe Fall des Ronald Barnabas Schill sind ein warnendes Beispiel für die kurze Halbwertzeit, die neuen Kräften auf der politischen Bühne oftmals nur beschieden ist – vor allem, wenn das Personal nichts taugt. Diese Lehre lässt sich nicht nur aus den damaligen Vorgängen ziehen, sie ist, sicherlich vom Autor unbeabsichtigt, auch in „Der Provokateur“ zwischen den Zeilen herauszulesen. Man kann nur hoffen, dass Schill der einzige „rechtspopulistische“ Absteiger bleibt, der nackt unter der Dusche im „Big Brother“-Container zu sehen ist.

 

Ronald B. Schill: Der Provokateur

Soundtrack, 208 Seiten, brosch., € 9,95

ISBN 978-3-86981-013-3

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