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"Die haben keine Ahnung von Zeitgeschichte“

Berliner Studie enthüllt miserables Allgemeinwissen der Bildungsbürger

Mittwoch, 27 August 2014 13:30 geschrieben von  Jens Hastreiter
Flagge der Deutschen Demokratischen Republik Flagge der Deutschen Demokratischen Republik Quelle: de.wikipedia.org

Berlin - Wer eine Hochschule besucht, der hat zuvor die Reifeprüfung abgelegt. Gemeinhin herrscht die Auffassung, daß dieser Personenkreis über eine gute Allgemeinbildung verfügt.

Dem ist aber nicht so. Eine Umfrage des „Forschungsverbunds SED-Staat“ der Freien Universität Berlin ergab kürzlich, daß 19 Prozent der Deutschen nicht wissen, wann die Berliner Mauer gebaut wurde. Ein Drittel der Bevölkerung der neuen Bundesländer hält die ehemalige DDR für eine Demokratie. Und 40 Prozent der Befragten kennen die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur nicht.

Der Leiter des Forschungsverbundes, Prof. Klaus Schroeder, vertritt die Auffassung, die Schuld an dieser Bildungsmisere trage die Schule. Weil die Eltern zu wenig oder gar nicht über Zeitgeschichte sprächen, müßte die Schule diese Themen behandeln. Doch davon sei nichts zu spüren. Entweder findet Geschichte nach 1945 in der Schule nicht statt, oder es bleibe nichts davon hängen.

Manfred Prenzel, Bildungsforscher und Vorsitzender des Wissenschaftsrats, erklärt dazu, daß bereits mehrere Studien ein unzureichendes Geschichts- und Politikverständnis der Deutschen aufgezeigt hätten. In Deutschland gebe es nicht nur die im Rahmen der PISA-Studien zutage getretenen Probleme beim mathematischen und naturwissenschaftlichen Verständnis. „Erschüttert kann man über die Befunde schon sein, wenn man weiter von der Idee ausgeht, Deutschland würde sich durch eine starke Allgemeinbildung auszeichnen. Mit dieser gerne gepflegten bildungsbürgerlichen Vorstellung hat die empirische Bildungsforschung aufgeräumt", sagt Prenzel und gibt der Schule zumindest eine Teilschuld an der Misere.

Schroeder wiederum meint, es komme nicht darauf an, exakte Geschichtsdaten zu kennen, sondern vor allem die Hintergründe und Zusammenhänge. Doch dieses Wissen fehle den meisten Schülern völlig, weshalb viele Umfrageteilnehmer den Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur nicht erklären könnten. Demokratie und Diktatur seien für viele Deutsche abstrakte Begriffe, „die im Unterricht mit Leben gefüllt werden müssen", sagt Schroeder.

Dieses Unwissen herrsche nicht nur mit Blick auf die Geschichte der DDR, und es herrsche auch nicht nur bei Hauptschülern: Schroeder berichtet von Studenten der Politikwissenschaft, die nicht wissen, wer Herbert Wehner war, ebensowenig, daß Ludwig Erhard als „Vater des Wirtschaftswunders“ gilt. Die Studenten hätten einen Numerus Clausus von 1,5 oder 1,6 und kämen dennoch praktisch ohne Voraussetzungen an die Uni. Die Unwissenheit der Studenten sei erstaunlich. „Die haben keine Ahnung von Zeitgeschichte und keine Ahnung von Wirtschaft."

Es gehe aber nicht nur um mangelnde Wissensvermittlung an der Schule. Komplexe Themen wie beispielsweise der Nahost-Konflikt überforderten viele. Und was man nicht versteht, das ignoriert man lieber, so Schroeder. Hinzu komme, daß junge Menschen nichts Hintergründiges mehr lesen, die wenigsten läsen überhaupt noch ganze Bücher, nicht einmal Tageszeitungen. „Es gibt leider einen immer noch großen Anteil von Menschen, die kaum etwas lesen und für die Nachrichten und Politik nicht wirklich interessant sind", meint auch Prenzel. Für ihn ist es deshalb nicht nur die Aufgabe der Schule, sondern auch der Medien, dazu beizutragen, daß Menschen von Zeitungen und Nachrichten so angesprochen werden, daß sie sich darauf einlassen.

Doch hier liegt ein weiteres Problem, das der Journalist Udo Ulfkotte einmal als „Einheitsmarmelade deutscher Medien“ thematisierte. Auf den meisten Seiten der Leitmedien im Web bekomme man „Bullshit im Sekundentakt“. Und viele der Journalisten, die in den großen Leitmedien arbeiten, hätten Gefallen an Gefälligkeiten, sie seien ganz offenkundig geschmiert, so Ulfkotte.

Vielen Politikern dürfte das breite Desinteresse vieler ihrer Mitbürger freilich gar nicht unrecht sein. So kommen unbequeme Fragen, etwa zu den ewigen Euro-Rettungen und den Gründen der europäischen Dauerkrise, gar nicht erst auf. Dies erkannte im übrigen schon Henry Ford, von dem die Feststellung stammt: „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“

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