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"The Interview“: Kein Grund, ins Kino zu gehen

Billige Klamotte im Dienste der US-Propaganda

Mittwoch, 18 Februar 2015 20:50 geschrieben von  Johann W. Petersen
Kim Jong-un auf einem Porträt von Thierry Ehrmann Kim Jong-un auf einem Porträt von Thierry Ehrmann Quelle: de.wikipedia.org | Foto: Thierry Ehrmann | CC BY-SA 2.0

Magdeburg - Haben nordkoreanische Stellen zuerst eine Cyber-Attacke auf Sony Pictures veranlasst und dann Bombendrohungen gegen Kinobetreiber losgeschickt. Man kann sich kaum vorstellen, dass der isolierte kommunistische Staat in Fernost einen derartigen Aufwand betreibt, um die Ausstrahlung eines Films zu betreiben. Jedenfalls klingt die ganze Geschichte selbst wie ein Filmstoff, und möglicherweise war es auch nur eine geschickte PR-Masche, um den Streifen „The Interview“, in dem es um einen Attentatsplan auf Nordkoreas Staatspräsidenten Kim Jong-un geht, ein wenig zu pushen.

Seit einigen Wochen ist der umstrittene Spielfilm der beiden US-Regisseure Evan Goldberg und Seth Rogen nun auch in deutschen Kinos zu sehen und bleibt, was die Besucherzahlen anbelangt, deutlich unter den Erwartungen. Zu Recht, möchte man sagen, denn die nach der Art von „Die nackte Kanone“ oder „Hot Shots“ inszenierte Slapstick-Komödie ist über weite Strecken eine billige Klamotte ohne tiefgründigen Humor, dafür aber mit teilweise penetranten Propaganda-Elementen.

Attentatsplan gegen Staatschef

Und darum geht es: Der TV-Moderator Dave Skylark (James Franco) und sein Produzent Aaron Rapoport (Seth Rogen) haben die Nase voll von seichtem Boulevard und wollen auf seriösen politischen Journalismus umsatteln. Sie wollen ihrem Publikum einen echten Kracher bieten, also kommen sie auf die kühne Idee, Nordkoreas Staatspräsidenten Kim Jong-un eine Interviewanfrage zu schicken. Tatsächlich kommt ein Anruf aus Pjöngjang, und Aaron wird zu einer Unterredung in die chinesischen Berge gebeten.

Er macht sich also auf den Weg und erhält dort unter abenteuerlichen Umständen eine Zusage von Kims junger Pressechefin Sook Yung Park (Diana Bang), in die er sich gleich unsterblich verliebt. Was niemand ahnen konnte: Nordkoreas Führer ist ein Fan von Skylarks Fernsehshow „Tonight“, allerdings erklärt er sich nur zu dem Interview bereit, wenn dies in seiner Heimat aufgenommen wird und ihm nur von seiner Propagandaabteilung vorgefertigte Fragen vorgelesen werden.

Zurück in den Staaten, bespricht Aaron die Angelegenheit mit Dave. Schnell werfen sie ihre guten Vorsätze wieder über Bord und gehen auf die Bedingungen für das Exklusivinterview ein. Mittlerweile hat auch die CIA Wind von der Sache bekommen, und in Gestalt der attraktiven Agentin Lacey (Lizzy Caplan) lassen sich Aaron und Dave zu einem Mordkomplott gegen Nordkoreas Alleinherrscher überreden. Skylark soll Kim mit einem giftgetränkten Klebestreifen die Hand schütteln. Das Gift wirkt mit einer Zeitverzögerung von zwölf Stunden, so dass der Tod des Diktators erst dann eintreten wird, wenn er und sein Produzent sich wieder auf dem Heimflug befinden. Beide willigen schließlich in den Anschlagsplan ein.

In Nordkorea angekommen, erweist sich die Sache jedoch als schwieriger durchführbar als geplant. Hinzu kommt, dass sich Dave mit Kim Jong-un (Randall Park) anfreundet. Dieser wird im Film so gezeigt, wie es in westlichen Medien gerne dargestellt wird: als verschwenderischer Lebemann mit einer Halle voller Luxuskarossen und einer heimlichen Vorliebe für amerikanische Lebensart und Kultur. Dave und Nordkoreas Staatschef spielen Basketball, trinken Champagner und Margeritas, nehmen Drogen, lassen sich von einem Schwarm asiatischer Liebesdamen nächtelang verwöhnen. Höhepunkt ihrer neuen Männerfreundschaft ist eine gemeinsame Fahrt im Panzer zu den Klängen von Katy Perrys „Firework“.

Inzwischen hat sich zwischen Aaron und Kims PR-Chefin Sook eine Romanze entwickelt. Die junge Armeeoffizierin vertraut sich ihrem amerikanischen Liebhaber als heimliche Regimegegnerin an. Als Dave seinem Produzenten eröffnet, dass er den Mordanschlag auf Nordkoreas Führer nicht mehr durchführen möchte, beschließt Aaron selbst tätig zu werden, wird jedoch von Skylark davon abgehalten. Irgendwann muss jedoch auch der erkennen, dass alles nur Inszenierung ist und sich die prall gefüllten Schaufensterauslagen, die ihnen vorgeführt wurden, als Attrappen entpuppen. Aaron und Dave beschließen, das Mordkomplott fallen zu lassen und schmieden einen anderen Plan...

Durchsichtige Pseudo-Satire

Man muss das Regime in Pjöngjang nicht sonderlich sympathisch finden, um „The Interview“ als einen ziemlich abgeschmackten Versuch Hollywoods zu erkennen, einen geopolitischen Gegenspieler der USA diesmal nicht zu dämonisieren, sondern der Lächerlichkeit preiszugeben. Das Ende des Films unterstreicht die Propaganda-Intention nochmal deutlich. Man möge sich einmal vorstellen, Nordkorea würde auf die Idee kommen, einen Film drehen zu lassen, in dem es um einen Mord an US-Präsident Barack Obama geht. Gegen das, was dann aus Washington zu erwarten wäre, nehmen sich die Reaktionen Pjöngjangs noch recht verhalten aus.

Der Film ist weder besonders pfiffig noch originell, sondern eine Art Pseudo-Satire mit durchsichtigem politischem Hintergrund. Interessant ist übrigens, dass kein einziger Kommentator bislang näher auf den Umstand eingegangen ist, wie man es wohl zu bewerten hat, dass die Macher von „The Interview“ den Geheimdienst CIA – und im Hintergrund die amerikanischen Regierung – einen Putsch in einem fernen Land initiieren lassen. Offenbar nimmt man dies – zumal es nicht aus der Luft gegriffen ist, sondern es dafür mehrere reale Beispiele dafür gibt – schon als selbstverständlich hin.

Letzte Änderung am Mittwoch, 18 Februar 2015 21:16
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