www.derfflinger.de

Freigegeben in Boulevard

Action-Kino ohne echte Tiefenschärfe

Clint Eastwoods „American Sniper“ enttäuscht

Dienstag, 10 März 2015 21:41 geschrieben von  Johann W. Petersen
Clint Eastwood Clint Eastwood Quelle: de.wikipedia.org | Foto: gdcgraphics | CC BY-SA 2.0

Magdeburg - Clint Eastwoods „American Sniper“, in Amerika bereits der erfolgreichste Kriegsfilm aller Zeiten, erweist sich auch hierzulande als Kassenschlager. Der vor zwei Wochen in Deutschland angelaufene Film basiert auf der Autobiografie des US-Elitesoldaten Chris Kyle, auf dessen Konto in vier Einsätzen im Irak zwischen 1999 und 2009 offiziell 160 „kills“ gingen. Der „erfolgreichste“ Scharfschütze der US-Militärgeschichte überlebte zwar den Krieg, wurde 2013 von einem anderen ehemaligen Irak-Soldaten, der an einer posttraumatischen Belastungsstörung litt, auf einem Schießplatz in Texas erschossen.

Schon die Anfangsszene deutet an, in welche Richtung der Film geht. Man sieht den Protagonisten, dargestellt von Bradley Cooper, im Tarnanzug auf dem Flachdach eines Hauses liegen. Er blickt durch das Zielfernrohr seiner Winchester Magnum 300, am Boden patrouilliert ein Trupp Marines. In seinem Visier hat der Scharfschütze eine Frau mit ihrem Jungen. Die Mutter holt unter ihrer Kleidung eine Granate hervor. Sie gibt sie ihrem Sohn, der damit in Richtung der Soldaten läuft. Der Sniper auf dem Dach drückt den Abzug.

Kyle ist in Falludscha eingesetzt, wo er auf der Jagd ist nach der mutmaßlich rechten Hand des Al-Qaida-Terroristen Abu Musab al-Zarqawi. Dabei liefert er sich ein Duell mit Mustafa, dem besten Scharfschützen der irakischen Aufständischen. Daneben wirft der Film auch einen Blick auf die private Seite des Snipers. Die Beziehung zu seiner Frau Taya, die von Sienna Miller gespielt wird, gestaltet sich immer schwieriger, da er sich mehr und mehr von sich selbst entfremdet und von den Kriegserlebnissen vereinnahmt wird. Am Ende kehrt Kyle in die USA zurück und ist unfähig, ein normales Leben zu führen. Sein soziales Engagement für andere psychisch beeinträchtigte Veteranen soll ihm schließlich zum Verhängnis werden.

Kriegsverbrechen ausgeblendet

Der echte Chris Kyle gilt in amerikanischen Militärkreisen als Kriegsheld, ist aber auch in seiner Heimat keine unumstrittene Persönlichkeit. In seinem in den USA über eine Million Mal verkauften Buch bezeichnete er die Iraker als „Wilde“ und schrieb: „Ich wünschte, ich hätte mehr getötet“. In Falludscha, wo der Navy SEAL unter anderem eingesetzt war, hatten die US-Befehlshaber ihre Truppen angewiesen, systematisch alle männlichen Personen zwischen 15 und 65 Jahren zu erschießen. Insgesamt fielen dort 5.000 bis 6.000 Zivilisten der verbrecherischen Kriegführung zum Opfer. Im Film wird darüber kein Wort verloren. Auch deswegen ist „American Sniper“ nicht mit Anti-Kriegsfilmen wie Oliver Stones „Platoon“ oder Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ zu vergleichen, die neben den persönlichen Schicksalen auch die Verbrechen der eigenen Soldaten schonungslos zur Sprache bringen. Clint Eastwood hat vielmehr eine Art Heldenepos geschaffen, das zwar am Rande beleuchtet, was der Krieg aus den Soldaten gemacht hat, die Opferperspektive jedoch vollkommen ausblendet. Auch vom „Spaß am Töten“, den Kyle laut eigener Aussage während seiner Einsätze als Sniper empfunden hat, bekommt der Zuschauer nichts mit.

Dass der Charakter des ausnahmslos positiv dargestellten Protagonisten wenig ausgeleuchtet und erklärt wird, ist ein weiterer Schwachpunkt des Films. Warum begeisterte sich Kyle für die Armee, warum durchlitt er die in epischer Breite dargestellten Qualen der Ausbildung bei den Navy SEALs? Warum war er der Ansicht, dass es gut und richtig ist, im Irak gegen „Wilde“ zu kämpfen? Auf alle diese Fragen kann „American Sniper“ keine Antwort geben. Für Regisseur Eastwood reicht als Erklärung eine Rückblende in die Kindheitstage von Kyle: Sein Vater, ein texanischer Rinderzüchter, erzählte ihm, dass es drei Typen von Menschen gibt: die schutzlosen Schafe, die angriffslustigen Wölfe – und die Hütehunde, die die Schafe vor den Wölfen schützen. Als ein solcher sah sich Chris Kyle, war aber in Wirklichkeit ein „Wolf“, vielleicht sogar einer der schlimmsten Sorte.

Unterschiedliche Meinungen

Der US-Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, seit jeher ein kritischer Geist, warf im Zuge des Hypes, den der Film in Amerika verursachte, die Frage auf, was die Verehrung eines kaltblütigen Killers im Kino über die amerikanische Gesellschaft aussage. Für den liberalen Fernsehmoderator Bill Maher verkörpert der Streifen gar einen „amerikanischen Faschismus“. Die republikanische Politikerin Sarah Palin hingegen sprach von einem patriotischen Werk, das konservative Magazin „National Review“ von einem „kulturellen Moment“.

Clint Eastwood hat als Regisseur schon weitaus bessere Filme gemacht. Erinnert sei an Meisterwerke wie „Million Dollar Baby“ oder „Perfect World“. „American Sniper“ ist weder ein Anti-Kriegsfilm noch ein kriegsverherrlichender Film, sondern eine Mischung aus typisch amerikanischem Action-Kino mit emotionalem Kitsch und einer Prise Psycho-Deutung, allerdings ohne Tiefenschärfe. Wer sich damit zufriedengibt, wird 138 Minuten lang gut unterhalten. Wer mehr erwartet hat, wird enttäuscht.

Artikel bewerten
(5 Stimmen)