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Die Heimkehr der Glatzer Heiligen

Das Görlitzer Schlesische Museum ehrt ein Stück ostdeutsches Kulturerbe

Donnerstag, 28 August 2014 20:03 geschrieben von  Jens Hastreiter
Das Görlitzer Schlesische Museum ehrt ein Stück ostdeutsches Kulturerbe Quelle: schlesisches-museum.de (Screenshot)

Görlitz - Im Schlesischen Museum in Görlitz gibt es eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Heilige auf Glas“. Dem Museum ist es gelungen, eine einzigartige Sammlung von Hinterglasbildern aus der Grafschaft Glatz zu erwerben.

Die Sammlung stammt in ihrer heutigen Zusammenstellung von Heidi und Fritz Helle. Es handelt sich um die größte private Kollektion dieser Art. Sie wurde schon 2010 im Rahmen einer Sonderausstellung unter dem Titel „Heilige auf Glas“ gezeigt und befindet sich nun dauerhaft im Museum in Görlitz.

Die Ernst von Siemens-Kunststiftung in München kaufte im Jahr 2013 50 Bilder an, um sie dem Schlesischen Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen. Nun übergab das Ehepaar Helle 65 weitere Bilder sowie eine große Plastik der Hl. Hedwig aus dem 18. Jahrhundert dem Museum als Geschenk.

Die Grafschaft Glatz gehörte als provincia glacensis zum böhmischen Herrschaftsbereich und war seit dem Jahr 1348 unmittelbar ein Nebenland der böhmischen Krone. Nach dem Siebenjährigen Krieg fiel sie 1763 nach dem Hubertusburger Frieden an Preußen und wurde 1818 in die Provinz Schlesien eingegliedert.

Das Glatzer Land ist von einer Mittelgebirgslandschaft geprägt und von Gebirgszügen als natürlichen Grenzen umgeben, weshalb die Region auch als Glatzer Kessel bezeichnet wird. Durch seine geographische Lage mit leicht begehbaren Pässen im Süden und Westen und dem Neißedurchbruch bei Wartha war das Gebiet seit alters her ein Durchgangs- bzw. Verbindungsland zwischen Böhmen, Mähren und Schlesien. Außerdem war die Stadt Glatz, die bis 1763 Residenz des böhmischen Landesherrn bzw. seines Statthalters, des Landeshauptmanns war, Verwaltungsmittelpunkt der Grafschaft Glatz. Sie war Sitz des königlichen Amtes, der Glatzer Stände und des Glatzer Landtages, dem der hohe Adel, die Ritter und als Dritter Stand die Freirichter angehörten.
Neben dem Bergbau hatte Kunstgewerbe in der Grafschaft Glatz eine lange Tradition. Dazu gehörte der Musikinstrumentenbau, insbesondere der Geigenbau.

Die Hinterglasmalerei hat im Glatzer Land ihren eigenständigsten, vielfältigsten und reizvollsten Ausdruck und besonders in den Ländern Osteuropas weite Verbreitung gefunden. Hinterglasbilder wurden von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis um 1890 gefertigt. Vereinzelte Auftragsarbeiten führte man sogar noch bis 1945 aus. Die bunten Bildtafeln aus Glas entstanden in Familienbetrieben und wurden zumeist von Hausierern oder Devotionalienhändlern in den zahlreichen Wallfahrtsorten vertrieben.

Wichtigster Herstellungsort war Kaiserswalde, wo einige Malerfamilien über mehrere Generationen arbeiteten. Auch der Ursprung dieser Glasbilder lag in Kaiserswalde mit Ignaz Rohrbach (1823-1913), Wilhelm Rohrbach (1858-1949) und Heinrich Bernhard (1847-1902). Letzterer war Direktor des Königlichen Instituts für Glasmalerei in Berlin. Über zwei Jahrhunderte übten die Erlitzer auf bäuerlich fester Grundlage ihre bodengebundene Arbeit als Glasmacher und Glasmaler aus. Die Bilderindustrie, die in Neurode angesiedelt war, löste die Hinterglasmalerei ab. Hier sind zu nennen: Hugo Hübners Steindruckerei Neurode und die Lithographische Kunstanstalt Conrad und Taube, aus der sich die Berlin-Neuroder Kunstanstalten entwickelten.

Heute ist die Glatzer Hinterglasmalerei Geschichte. Es ist nur konsequent, daß sie ihren mutmaßlichen letzten Ruhesitz nunmehr im Görlitzer Schlesischen Museum gefunden hat.

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