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Ein Langer Kampf für ein bisschen mehr

Der Mindestlohn ist durch!

Freitag, 11 Juli 2014 18:26 geschrieben von  Susanne Hagel

Berlin - Ab 2015 gilt in Deutschland der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 €. Nachdem der Bundesrat heute seine Zustimmung mit 535 von 601 Stimmen erteilte, wird die Lohnuntergrenze von knapp 4 Millionen Arbeitnehmern ab kommenden Januar angehoben.

Zehn Jahre dauerte der Streit zwischen Gewerkschaften und Politik bis er endlich ein Ende fand. Nun lobt Grünen-Arbeitsmarktexpertin Brigitte Pothmer die Einführung als einen "extremen gesellschaftlichen Fortschritt" und Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) freut sich im Bundesrat, dass endlich "ein parteiübergreifender Kompromiss nach langem Streit" gefunden wurde.

Ausgenommen von der neuen Regelung zum gesetzlichen Mindestlohn sind Jugendliche unter 18 Jahren: ihnen möchte man so den Anreiz bieten, lieber eine schlechter bezahlte Ausbildung zu absolvieren statt "jobben" zu gehen. Außerdem Langzeitarbeitslose in den ersten 6 Monaten ihrer neuen Anstellung, sowieso Praktikanten, die Pflichtpraktika oder freiwillige Praktika im Rahmen ihrer Ausbildung bzw. ihres Studiums bis zu 3 Monate absolvieren. Übergangsregelungen bis 2017 gibt es für Saisonarbeiter und Zeitungszusteller.

Nur 5 Politiker stimmten gegen den Beschluss: die niedersächsische Agrarpolitikerin Gitta Connemann, Thomas Feist, Andreas Lämmel, Katharina Landgraf und Jana Schimke. Alle stammen aus der CDU.

Es beschämt mich zu lesen, wenn Jana Schimke, Spreewälder CDU-Politikerin, erklärt: "Ein Mindestlohn von 8,50 Euro wird im Osten Arbeitsplätze kosten." Denn auch ich gehöre zu den Geringverdienern. Wie viele meiner Kollegen im Pflegebereich verdiene ich keine 8,50€ pro Stunde und muss zusehen wie ich mit Kind über die Runden komme. Hartz IV zu beantragen, zusätzlich zu meinem in 40-Stunden-Woche erzielten Gehalt, widerstrebt mir zutiefst. Irgendwie muss es auch ohne gehen. Irgendwie geht es ohne.

Für mich ist die Einführung des Mindestlohns zumindest ein kleiner Schritt zu mehr Anerkennung und Wertschätzung meiner Arbeit. Ich bin keine ungelernte Kraft, sondern habe eine abgeschlossene Berufsausbildung und arbeite hart. Ich liebe meine Arbeit und erledige sie mit viel Freude. Doch übrig bleibt am Ende des Monats stets nur ein saftiges Minus auf dem Konto. Ein ständiges Fiebern nach dem nächsten Lohn. Urlaub, überraschende Ausfälle, z.B. von der Waschmaschine, sind nicht kalkulierbar, weil nichts übrig bleibt vom Geld, wenn die Lebenshaltungskosten abgegangen sind.

Deshalb scheint mir bei all dem politischen Schulterklopfen das Kopfrechnen abhanden gekommen zu sein: es handelt sich nicht um exorbitant hohe Forderungen geldgeiler Arbeitnehmer, sondern um Menschen, die auch mit diesem Stundenlohn nicht einmal 1400€ brutto(!) in einer 40-Stunden-Woche verdienen! Es profitieren jene, die als Opfer des bisherigen Lohndumpings am Existenzminimum lebten und die nun wenigstens eine klitzekleine Wertsteigerung ihrer Arbeit erhalten.

Zur Erinnerung: Rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland arbeiteten bisher für einen Stundenlohn unter 5€ als sogenannte Niedriglöhner - "the working poor" (die arbeitenden Armen), wie die Sozialwissenschaften diese benennen. Ca. 25% jener arbeiten mindestens 50 Stunden pro Woche um ihre Existenz zu sichern (Quelle: Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung). Zusätzlich müssen viele Hartz IV beantragen um über die Runden zu kommen. Doch dabei handelt es sich längst nicht nur um Putzfrauen und Lagerarbeiter. Auch im Bereich der Pflege, als Verkäufer, Frisörin oder Arzthelferin gehört man zu den Geringverdienern und muss zusehen wie man ab Mitte des Monats den Kühlschrank füllt.

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