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Gemäldegalerie Berlin:

Eine große Botticelli-Renaissance!

Donnerstag, 17 September 2015 04:27 geschrieben von  Rüdiger Dietrich
Der Frühling / Das Reich der Venus (La Primavera), um 1478/1482 Der Frühling / Das Reich der Venus (La Primavera), um 1478/1482

Berlin - Renaissance trifft Gegenwart könnte man mit Blick auf die Gemäldegalerie in Berlin eine Beschreibung für den Zeitraum vom 24.09.2015 bis 24.01.2016 formulieren. Es geht um ein gewaltiges Stück Renaissance und in der Tat zeigt es eine stete Wiedergeburt des großen Renaissance-Künstlers Sandro Botticelli durch die Epochen hindurch bis zur Gegenwart. Die Berliner Gemäldegalerie kann für ihre Ausstellung nicht allein mit acht Gemälden und 86 Zeichnungen als die größte Botticelli-Sammlung  außerhalb Italiens aus dem Vollen schöpfen, sondern wird zusätzlich noch bereichert durch Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen, worunter sich sogar 20 Werke Botticellis befinden, die überhaupt erstmals der  Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ergänzt wird die Befassung mit dem Künstlergenie durch ebenfalls gezeigte Interpretationen Botticellis durch andere Künstler wie Edgar Degas, René Magritte, Andy Warhol oder Cindy Sherman. Die Kuratoren Stefan Weppelmann und Martin Evans möchten, mit dieser nach der Schau im Frankfurter Städel Museum 2009 bis 2010 zweiten große Ausstellung in Deutschland, den durch den Kunstsinn und das Mäzenatentum der Medici zu Ruhm gelangten Künstler neu beleuchten.

Der Florentiner Maler Sandro Botticelli (1445-1510) gilt als einer der bedeutendsten Renaissance-Künstler, dessen Gemälde vielfach reproduziert und interpretiert wurden, bis hin zu seinen Mustern folgenden Inszenierungen der Populärkultur. Selbst kommerzielle Produkte werden nach ihm benannt und trugen somit dazu bei, daß manche seiner Figuren, allen voran die "Venus", auch über den kunstsachverständigen Kreis hinaus Teil des europäischen Bildgedächtnisses wurden. Der zweite Frühling des Schöpfers der „Primavera“ begann mit einer ersten künstlerischen Wiederentdeckung bzw. -erweckung der englischen Künstlerbewegung der Präraffaeliten sowie sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts  um Arnold Böcklin und Adolf von Hildebrand in Florenz eine deutsche Künstlerkolonie bildete, die Anregung in den Werken der Frührenaissance suchte. So manche arkadische Komposition im Jugendstil zeigt beispielsweise auch, welche Bedeutung Botticellis linear geprägte Formauffassung für die Künstler dieser Stilepoche hatte. Zweifellos hat Botticelli wie kaum ein zweiter Altmeister die Kunst der Moderne und der Gegenwart inspiriert.

Erstmals sollen mit «Christus als Erlöser» und «Muttergottes mit Kind und anbetendem Johannesknaben» in der Ausstellung auch zwei Gemälde des legendären italienischen Künstlers zu sehen sein, die bislang im Depot lagerten und eigens von Experten für diese Präsentation vorbereitet wurden. Im Jahre 1500 gemalt und nun zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wird auch das Gemälde „Mystische Geburt“, das als eines der mysteriösesten Weihnachts-Bilder gilt. Während Maria vor dem Jesuskind kniet, spielt sich im Vordergrund ein dramatisches Geschehen ab, indem sich teuflische Wesen am Boden krümmen, und von tapferen Männern bezwungen, die ihrerseits von Engeln umrahmt werden, zurück in die Hölle fliehen.

Die von Botticelli inspirierten Künstler unserer Zeit drücken - wofür diese Ausstellung prädestiniert ist, es eingehend zu studieren - spezielle Eigenheiten des Florentiners aus, wie beispielsweise beim US-amerikanischen Fotografen LaChapelle - ebenso wie beim historischen Vorbild - Figur und Raum in ein irreales Spannungsverhältnis versetzt werden, oder am Beispiel Andy Warhols Pop-Art-Siebdrucken des Venuskopfes gleich Botticelli leuchtende Farbigkeit große von Linien scharf umgrenzte Flächen füllt. Alles in allem eine mit Sicherheit kulturelle bedeutsame Ausstellung, die vorhersehbar publikumsstark im Gedächtnis bleiben dürfte. Zu den 150 Ausstellungsstücken der Berliner Schau gehören neben Gemälden und Zeichnung auch Skulpturen, Fotografien, Videos sowie Objekte aus Mode und Design.

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