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Geschichtspolitischer Exorzismus

Im oberbayerischen Dietramszell soll Reichspräsident von Hindenburg „entsorgt“ werden

Donnerstag, 17 Juli 2014 09:41 geschrieben von  Jens Hastreiter
Paul von Hindenburg Paul von Hindenburg Quelle: Bundesarchiv Bild 102-10168, Koblenz, Hindenburg am Deutschen Eck

Dietramszell - Der frühere Reichspräsident Paul von Hindenburg kommt nicht aus den Schlagzeilen. Immer häufiger schießen sich politisch korrekte Geschichts-Entsorger auf den Weltkriegs-Feldmarschall ein, dem sie vorwerfen, Hitler den Weg zur Macht geebnet zu haben. Erst vor wenigen Wochen war Hindenburg Gesprächsthema in Berlin – dort sollte ihm 80 Jahre nach seinem Tod offiziell die Ehrenbürgerschaft der früheren Reichshauptstadt entzogen werden.

Jetzt hat die Hindenburg-Säuberungswelle die oberbayerische Gemeinde Dietramszell bei München erreicht. Dort wurde Hindenburg (und Adolf Hitler) die Ehrenbürgerwürde schon im Jahr 2013 aberkannt. Das reicht den Vergangenheitsbewältigern aber nicht. Grund dafür ist eine Büste des letzten Reichspräsidenten, die der NS-Bildhauer Josef Thorak in den dreißiger Jahren anfertigte und die im Sommer 1939 an einer Mauer der Dorfkirche angebracht wurde. Bei Kriegsende wurde die Büste für einige Zeit bei Privatleuten versteckt, um später an einer Klostermauer an prominenter Stelle im Ort wieder aufgestellt zu werden.

Dort ist sie einschlägigen Geschichts-Pädagogen schon seit längerem ein Dorn im Auge. Tatsächlich hält die Diskussion um eine angemessene Dokumentationstafel an der Klostermauer schon geraume Zeit an, geschehen ist aber bislang nichts. Hindenburg-Gegner schritten deshalb jetzt zur Selbstjustiz, montierten die Büste ab und deponierten sie auf dem Privatgrundstück eines Dietramszeller Bürgers, dessen Familie im Ruf steht, dem Reichspräsidenten seinerzeit nicht nur sehr gewogen gewesen zu sein, sondern ihm in den zwanziger Jahren auch regelmäßig ihr Haus als Urlaubsdomizil zur Verfügung gestellt zu haben.

Bemerkenswerterweise und anders als in vergleichbaren Fällen wurde der ungeliebte Hindenburg-Kopf bei der Aktion nicht beschädigt oder zerstört. Der leere Platz an der Klostermauer wurde „nur“ mit einer erläuternden Pappe in Gestalt eines durchgestrichenen Stahlhelms plus Hakenkreuz „verschönt“, wie die „Aktionskünstler“ um Wolfram Kastner in einem Schreiben bekennen. Außerdem sollen, heißt es weiter, „die Dietramszeller im Lichte der Öffentlichkeit darüber beraten, ob sie den Militärschädel wieder aufrichten, ob sie ihn dem NS-Dokumentationszentrum vermachen oder ob sie ihn einschmelzen wollen“.

Kastner, von dem Bekannte behaupten, er provoziere immer gern mal ein wenig, rechnete offenbar mit schlimmen, zumindest aber juristischen Folgen seiner Aktion. Diese sei zwar mit einem sympathisierenden Verein „Das andere Bayern – Verein für demokratische Kultur im Freistaat“ abgestimmt gewesen, der im Ernstfall auch ein eventuelles Bußgeld beglichen hätte. So wie es aussieht, bleibt die Hindenburg-Entfernung aber folgenlos.

Der mit der Thorak-Büste Beschenkte, Florian von Schilcher, hält sich einstweilen bedeckt. Er erhebt keinerlei Anspruch auf den abmontierten Hindenburg-Kopf. Auch die Oberin der Salesianerinnen, Schwester Kiliana, erklärt, dass ihrem Orden zwar das Gebäude, aber nicht die Büste gehört. Und die Gemeinde versichert, mit der Sache nichts zu tun zu haben – sie habe ihren Part mit der Aberkennung der Ehrenbürgerwürde letztes Jahr erledigt. „Unsere Angelegenheit war nur die Ehrenbürgerschaft“, sagt Bürgermeisterin Leni Gröbmaier. „Und diese Angelegenheit ist erledigt.“ Auch die Polizei sieht keinen Handlungsbedarf.

Am Ende sind womöglich alle zufrieden – wenn auch auf Kosten der Vergangenheit. Beobachter fragen sich, wer als nächstes geschichtspolitisch korrekt „entsorgt“ wird.

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