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Literatur:

Lessing und Lord Byron – ein literarisches Wiegenfest!

Sonntag, 24 Januar 2016 01:03 geschrieben von  Rüdiger Dietrich
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Kamenz/London – Der heutige 22. Januar ist das Wiegenfest zweier europäischer Literaturgrößen, deren Kenntnis aus dem Kanon abendländischer Bildungstradition nicht wegzudenken ist. Der eine - geboren in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts - aus dem Herzen Kontinentaleuropas, der andere - in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickend - von der britischen Insel stammend. Die Rede ist zum einen von Gotthold Ephraim Lessing und zum anderen von George Gordon Noel Byron, bekannt als Lord Byron, die beide einen festen Platz in der europäischen Literaturgeschichte einnahmen und einer respektvollen Erwähnung an ihrem Ehrentag würdig sind. Lessing, der große Vorklassiker der deutschen Literatur, kam am 22.01.1729 in Kamenz und der britische Spätromantiker Lord Byron selbigen Tags im Jahre 1788 in London zur Welt. Beiden ist ein gesellschaftlich-politisches Moment ihres Wirkens nicht in Abrede zu stellen und bei beiden war in einem gewissen Sinne der Freiheitsbegriff ein zentrales Motiv. Während Lessing als führender Vertreter der deutschen Aufklärung gilt und eine bedeutende Rolle als Vordenker für das Selbstbewusstsein des Bürgertums einnahm, stand Lord Byron als einer der seinerzeit bekanntesten Repräsentanten des Philhellenismus für den Freiheitskampf der im werden begriffenen griechischen Nation.

Lessing kann als deutsche Verkörperung sui generis des dem 18. eigentümlichen Geistes der Aufklärung im besten Sinne gelten, indem die Vernunft dieses klaren Denkers nicht allein kalte Vernünftelei und seine Kritik nicht einzig Negation darstellte. In Abkehr von erstarrter Orthodoxie und Franzosenschwärmerei schuf Lessing die Grundlagen zum Neubau des deutschen Dramas. Der deutsche Schöpfer des bürgerlichen Trauerspiels machte sich nicht zuletzt mit seiner „Hamburger Dramaturgie“ als Kritiker und Ästhetiker einen in der Geisteswissenschaft zeitlosen Namen. Alfred Biese vergleicht ihn im ersten Band seiner Deutsche(n) Literaturgeschichte sogar mit Friedrich dem Großen, wenn er schreibt, „dass, was Friedrich für die deutsche Nation auf dem Schlachtfelde erstritt, Lessing in gleicher Weise auf dem literarischem Gebiet erkämpfte.“

Neben beispielsweise „Miß Sara Sampson“ oder „Emilia Galotti“ dürfte wohl „Nathan der Weise“ mit dessen berühmter Ringparabel das bekannteste Werk Lessings sein. Obwohl man den Standpunkt vertreten kann, dass dieses Drama in der gegenwärtigen Zeit wieder an Aktualität gewinnen mag, ließe sich im selben Zusammenhang trefflich darüber räsonieren, ob Lessing dieses Werk heute ebenso verfassen würde. Der Grundgedanke eines Sittengesetzes, das sich über die äußeren Religionsformen erhebt, dürfte unverändert bleiben, doch dass sich geistesverwandte Seelen womöglich auch blutsverwandt gegenüberstehen, könnte in Konflikt mit einer auch vor der Kunst nicht Halt machenden political correctness geraten.

Das zweite Geburtstagskind, Lord Byron, gewinnt im deutschsprachigen Raum mitunter durch die Korrespondenz mit und Anerkennung durch Goethe an Bedeutung. Selbst deren Werke bieten interessante Intertextualbeziehungen auf, wie an Byron´s Drama „Manfred“ ersichtlich ist, das eine bewusste Antwort auf den Faust I darstellte. Im zweiten Teil des epochalen Goethe-Werkes setzte der deutsche Dichterfürst nach Byrons Tod diesem wiederum in der Figur des Euphorion post mortem ein Denkmal. Einen großen Einfluss übte Lord Byron auf den jungen Friedrich Nietzsche aus, der Byron einmal als „geisterbeherrschenden Übermenschen“ charakterisierte.

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