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Die Panzer rollen wieder – auf dem Fußballrasen

Nach dem Sieg gegen Brasilien kulitiviert die Weltpresse beliebte Stereotypen

Mittwoch, 09 Juli 2014 19:45 geschrieben von  Jens Hastreiter
André Schürrle schießt 2 Tore gegen Brasilien. André Schürrle schießt 2 Tore gegen Brasilien. © Reuters

Hamburg - Die „Welt“ brachte es in ihrer Ausgabe nach dem historischen Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft über Brasilien auf den Punkt und feixte: „Seit Dienstag 23.48 Uhr wird zurückgesprochen.“ Der politisch unkorrekte Anklang an die berühmte „Führer“-Rede zum Beginn des Polenfeldzugs im September 1939 hat Gründe: Denn seit dem deutschen Fußball-Triumph am Dienstag überbieten sich die internationalen Medien in mehr oder weniger geschmackvollen Sprach-Anspielungen auf deutsche Waffensiege früherer Zeiten.

Die Amerikaner waren offenbar die ersten, die – nach dem 5:0 der Löw-Truppe – auf den Trichter kamen und in die sprachliche Mottenkiste griffen. Allerdings war da vom „Blitzkrieg“ noch nicht die Rede. Der erste sprachliche Reflex, getwittert von Peter Sokolowski, dem Redaktionsleiter des wichtigsten amerikanischen Wörterbuchs Merriam-Webster, lautete: „Schadenfreude“.

In den darauffolgenden Stunden arbeiteten sich die internationalen Medien dann sprachlich an so ziemlich allem ab, was man eben weltweit über die Deutschen zu wissen glaubt. Daß dabei die Details nicht immer stimmen, liegt auf der Hand, ist in einer durchrauschten Fußballnacht aber auch nicht anders zu erwarten. So behauptete der Kommentator der britischen BBC, Jonathan Pearce, während des Spiels zweimal, „Deutschland über alles" sei der Titel der Nationalhymne, die die deutschen Fans in der zweiten Hälfte anstimmten. „Symptomatisch für das englische Hinterwäldlertum“, korrigierte das auf Twitter der Linguist, Deutsch-Dozent und Sportjournalist beim Magazin „When Saturday Comes“ Paul Joyce.

Natürlich war auch das berühmt-böse Wort schnell in aller Munde, das weltweit Millionen Erdenbürger spontan assoziieren, wenn von Deutschland die Rede ist – vor allem dann, wenn Deutschen etwas ziemlich gut gelingt. „Soccer Blitzkrieg“ übertitelte denn auch ein Kommentator des „Wall Street Journal“ seine Spielanalyse. Auch „USA Today“, das mit der schönen deutschen Schlagzeile „Oh! Mein! Gott!“ (auf Deutsch) aufmachte, fiel nichts anderes als der „Fußball-Blitzkrieg“ ein.

Aber es sind nicht immer nur Briten und Amerikaner, die früheren Weltkriegs-Gegner, die von alten Zeiten nicht lassen können. „Brazil in state of shock after Germany blitzkrieg“ schrieb eine Sport-Seite in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch der „Financial Express“ im noch weiter entfernten Bangladesch wählte die Formulierung: „German blitzkrieg blows away Brazil“. Weitere Beispiele aus Südafrika, Neuseeland, Wales oder anderswo finden sich zu hunderten bei „Google News“.

Allerdings: „Blitzkrieg“ wird weltweit meist längst nicht mehr böse gemeint, sondern ist allenthalben in die englische Umgangssprache eingesickert. Das „Oxford English Dictionary“, wo das Wort selbstverständlich verzeichnet ist, bringt als ersten Beleg ein Zitat aus „The War Illustrated“ vom 7. Oktober 1939 – ein Monat nach dem Kriegsbeginn im September 1939 –, wo Blitz-Krieg (hier mit Bindestrich) als „lightning war“ übersetzt wird. Am 19. Oktober des gleichen Jahres wird das Wort schon im übertragenen Sinne gebraucht, wenn in den „New York Daily News“ von einem „Blitzkrieg der Witze“ die Rede ist.

Erstaunlich für deutsche Ohren: Sogar das Wort „Nazi“, das im Englischen oft einfach im Sinne von „Fanatiker“ verwendet wird (in Zusammensetzungen wie etwa „aerobic nazi“), wird im englischen Sprachraum weitaus unbefangener benutzt als hierzulande.

Auch die „Panzer“, die einst halb Europa überrollten, dürfen natürlich unter den beliebtesten Deutschen-Stereotypen nicht fehlen. Vor allem in den achtziger Jahren war „Panzer“ in der italienischen Presselandschaft geradezu ein Synonym für die deutsche Nationalmannschaft.

Daran hat sich noch immer nicht viel geändert: „Germania panzer e talento Brasile, disfatta mai vista“ dichtete die italienische Tageszeitung „Il Giornale“, und die Website des Fernsehsenders Rai kommentierte: „Panzer a valanga sui padroni di casa“. Und das Medium mit dem schönen Namen „Blitz“ stellte die Verhältnisse geradezu auf den Kopf: „Brasile panzer – Germania samba“. Doch hier muß jemand etwas durcheinandergebracht haben. Der Endstand am Dienstagabend sprach eine andere Sprache.

Letzte Änderung am Freitag, 11 Juli 2014 04:57
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