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Der "sozialrevolutionäre" und nationalliberale Preuße

Nachträgliche Gedanken zum 255. Geburtstag von August Graf von Neithardt von Gneisenau

Samstag, 31 Oktober 2015 23:57 geschrieben von  Albrecht Lose
August Wilhelm Antonius Graf Neidhardt von Gneisenau August Wilhelm Antonius Graf Neidhardt von Gneisenau

Berlin - Am 27. 10. 1760 erblickte der eigentliche Bezwinger Napoleons, August Graf Neithardt von Gneisenau in Schilda (bei Torgau) das Licht der Welt. Doch sollen in diesem Artikel weniger auf seine Verdienste während der Schlacht bei Waterloo eingegangen werden - bei DERFFLINGER wurde in einem Artikel schon hinreichend darauf hingewiesen - sondern vielmehr seine politischen Vorstellungen und Reformbewegungen innerhalb Preußens und Deutschlands herausgestellt werden.

Denn als die Preußen nach dem Sieg Napoleons über halb Europa einsehen mußten, daß das alte Preußen an grundlegenden Reformen bedarf, schlug bereits Gneisenaus Stunde. So war er neben Karl Freiherr von und zum Stein und Gerhardt von Scharnhorst dazu auserkoren, Reformen in Preußen anzustrengen. Seine Reformen betrafen in erster Linie natürlich das Heerwesen und so wurde er Mitglied in der Militär-Reorganisations-Commission, in der Scharnhorst den Vorsitz inne hatte.

Eine, seiner größten Reformanstrengung im Heer, war die Bildung eines Volksheeres, also die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Zwar bildete das unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. eingeführte Kantonswesen schon eine Art Wehrpflicht, dennoch war sie nicht ausgereift. Denn beim Kantonssystem wurden nicht alle erfaßt, beispielsweise Adlige und Geistliche. Dies änderte sich jedoch mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Wenn es nach den Vorstellungen von Gneisenau gegangen wäre, hätten Adlige sogar ihren Titel verloren, wenn sie sich nicht am Kampf beteiligt hätten. Allerdings konnte sich diese Forderung in einem gerade noch absolutistischen Staat nicht durchsetzen.

Aber nicht nur die Wehrpflicht gehörte zu seinen Errungenschaften, sondern auch die Entwicklung der Landsturmordnung, welche Landsleute, die nicht gerade eingezogen waren, in der Not dazu aufforderte, zu den Waffen zu greifen. Jede Mannsperson von 17 Jahren an, wird bewaffnet." Es sollten also alle wehrfähigen Männer als Freikorps den Kampf antreten, wenn ein Feind das Land betreten hatte. Ebenso waren die Bewohner dazu aufgefordert, den Feind zu demoralisieren, indem beispielsweise mögliche Nahrungsmittel beim Vordringen des Feindes weggebracht bzw. zerstört werden sollten Alles vorrätige Getreide wird beim Vordringen des Feindes fortgeschafft und die Gegend vor ihm verödet ..." Beim Kampf selbst, sah die Landsturmordnung vor, nur kleine Gefechte durchzuführen, um den Feind vorrangig zu ermüden. Bei der Gefahr, daß eine Gruppe vom Feind ausgehoben wird, soll sie sich zerstreuen, alle Uniformteile abwerfen und als normale Bürger erscheinen. Gneisenau erhoffte sich damit einen Volksaufstand gegen den im Land befindlichen Feind.

Dieses ausgeklügelte System der Landsturmordnung läßt stark an Anweisungen des modernen Partisanenkrieges erinnern. Ebenso weist sie Ähnlichkeiten zur Gefechtsart der französischen Freikorps, den Franktireurs, auf, was selbst dem Weggenossen des Karl Marx, Friedrich Engels, auffiel. Engels, der sogar Gneisenau und seine Landsturmordnung bewunderte, entgegnete nämlich mit einem Artikel den deutschen Vorwürfen, bei den Franktireurs würde es sich um "Räuber- und Lumpengesindel handeln, indem er darin zu verstehen gab, daß der Vorreiter der Franktireurs Gneisenaus Freikorpstruppe war. Zu den berühmten preußischen Freikorpskämpfer zählten Persönlichkeiten, wie Ferdinand von Schill, Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow und der Dichter Theodor Körner.

Aber nicht nur das Heerwesen gedachte Gneisenau zu reformieren. Denn schließlich schwebte ihm ja eine Revolution in allen Bereichen vor, welche ganz preußisch von oben her vollzogen werden sollte. So machte er sich eben auch für die Befreiung der Bauern stark. In einer von Scharnhorst finanzierten Zeitung Der Volksfreund" stellte Gneisenau in seinem Artikel Über die Freiheit der Rücken" die Frage, was es denn nütze, die Prügelstrafe im Militär abzuschaffen, wenn die Junker gleichzeitig in Zivil ihre erbuntertänigen Bauern weiterhin schlagen dürfen. Des Weiteren setzte er sich für eine wirkliche Pressefreiheit ein. Gneisenau vertrat eben die Ansicht, daß der künftige Staatsbürger ausreichend informiert sein müsse.

Doch seine Bestrebungen für Veränderungen gingen über die Grenzen Preußens hinaus, denn Gneisenau war kein Preuße im partikularen Sinne. Vielmehr verstand er Preußen als Teil eines künftig vereinigten Deutschlands. Und so machte er keinen Hehl daraus, daß er für die Vereinigung aller deutschen Staaten einstand. Besonders stark kam der Einingungsgedanke in seinem Aufruf an die Sachsen, kurz vor der Völkerschlacht bei Leipzig, zur Geltung: Sachsen, wir Preußen betreten Euer Gebiet, Euch die brüderliche Hand bietend. Im Osten von Europa hat der Herr der Heerscharen ein schreckliches Gericht gehalten, und der Todesengel hat dreimal Hunderttausend jener Fremdlinge durch Schwert, Hunger und Kälte von der Erde vertilgt, welche sie im Übermut ihres Glücks unterjochen wollten. Wir ... kämpfen für die Sicherheit der alten Throne und für unsere Nationalunabhängigkeit. Wir bringen Euch die Morgenröte eines neuen Tages. Die Zeit ist endlich gekommen, ein verhaßtes Joch abzuwerfen, das uns seit sechs Jahren drückte. Den Freund deutscher Unabhängigkeit werden wir als unseren Bruder betrachten, den irregeleiteten Schwachsinnigen mit Milde auf die rechte Bahn leiten; den ehrlosen verworfenen Handlanger fremder Tyrannei aber, als einen Verräter am gemeinsamen Vaterland, unerbittlich verfolgen."

Damit erscheint Gneisenau als Nationalliberaler, denn der Kampf gegen Napoleon war offenbar für ihn eng verbunden mit der Befreiung Gesamtdeutschlands. Aber ebenso könnte man Gneisenau auch als einen Sozialrevolutionären bezeichnen. Immerhin setze er sich vehement für die Abschaffung der Prügelstrafe bei den Bauern ein. Und auch die Informations- und Pressefreiheit stand bei Gneisenaus Reformbemühungen hoch im Kurs. Das waren zu der Zeit bereits enorme sozialgerechte Fortschritte. Genauso verhält es sich mit seiner Landsturmordnung. Ließ sie doch das Volk in der Not enger zusammenwachsen. Der Krieg war eben nicht mehr nur Sache des Militärs. Das gesamte Volk hatte nun Anteil am Ausgang des Krieges. Nicht umsonst wurde die Landsturmordnung von Kommunisten, wie Friedrich Engels, bewundert und wahrscheinlich von ihnen im modernen Partisanenkrieg übernommen.

Letzte Änderung am Sonntag, 01 November 2015 06:01
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