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Der moderne Neo-Nazi

Nipster: Eine Gefahr für die Demokratie?

Freitag, 05 September 2014 18:53 geschrieben von  Johann W. Petersen
Nipster: Eine Gefahr für die Demokratie? Quelle: nipster.me (Screenshot)

DresdenHeutzutage sind „Neonazis“ – oder wen man dafür hält – manchmal gar nicht mehr so leicht zu erkennen. Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel – dieses Klischeebild ist in der rechten Jugendszene weitestgehend passé. Vor einigen Jahren tauchten die sogenannten „Autonomen Nationalisten“ auf, die sich optisch von Linksautonomen kaum unterschieden, nun vermelden Anti-Rechts-Initiativen einen neuen Trend: den Nipster, eine Neuschöpfung, zusammengesetzt aus den Worten „Nazi“ und „Hipster“. Ein Nipster ist demnach ein „Nazi-Hipster“. Doch was ist ein Hipster?

Als Hipster werden laut Institut für Jugendkulturforschung junge Menschen bezeichnet, die durch ihre Kleidung, ihr Verhalten und ihren Lebensstil einen besonderen Individualismus zum Ausdruck bringen wollen, der sie vom Mainstream abhebt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch gerne von einem urbanen Lifestyle. Hipster sind oftmals leicht alternativ angehaucht, im Zweifelsfall linksliberal, und tummeln sich insbesondere im studentischen Milieu.

Der männliche Hipster trägt gerne Vollbart, kombiniert scheinbar altmodisch wirkende Kleidungsstücke mit Klamotten wie Flanellhemden, Schlauchschals, Röhrenjeans, Sneakers und Strickmützen. Beliebte Accessoires sind Brillen mit dickem, schwarzen Rand, und eine Flasche Club Mate, an der beim Schlendern durch die Stadt demonstrativ genuckelt wird. Beinahe unverzichtbar erscheint allerdings der lässig über die Schulter gehängte Stoffbeutel mit entsprechend langen Schlaufen, der mit einem Spruch versehen ist, der entweder besonders witzig oder besonders tiefsinnig sein soll.

Der Nipster ist äußerlich vom normalen Hipster kaum zu unterscheiden. Nur der Spruch auf der Tasche verrät, woher der Wind weht. Während der Hipster Sprüche wie „Bitte nicht schubsen, ich habe einen Joghurt im Beutel“ oder „Mehr Sonntag“ durch die Gegend trägt, kann beim Nipster schon mal „Kein Bock auf Israel“ oder irgendwas in Richtung Identität auf dem Stoffbeutel stehen. Es gibt allerdings mittlerweile eine Tendenz dahingehend, jeden rechten Jugendlichen, der nicht so aussieht, wie man sich einen typischen „Nazi“ vorstellt, als Nipster zu bezeichnen.

Laut „Netz gegen Nazis“ steckt dahinter eine neue Strategie. Dort ist beispielsweise zu lesen: „Was genau macht einen Nazi-Hipster aus? Nun, inhaltlich vertritt er oder sie natürlich den gleichen Schmu aus Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus, Deutschtümelei  und Meinungsfreiheitsgeschwurbel wie alle Rechtsextremen. Es ist die Verpackung, die sich Nipster bei der Jugendkultur der Hipster leiht. Er reichert die Nazi-Ideologie an mit Rebellion, jugendlicher Nachdenklichkeit, Selfie-Schnappschüssen und alternativkulturellen Versatzstücken wie veganer Ernährung und Containern.“ So könne der Nipster einen besseren Zugang zu seinen Altersgenossen finden. Ganz schön viel Aufwand, möchte man meinen.

Doch genau das lohne sich, meint ein Autor in einem Beitrag für die deutschsprachige Ausgabe der Internet-Zeitung „Huffington Post“. „Seit einigen Jahren sieht nicht mehr jeder Rechtsextreme so aus wie das Sinnbild des hässlichen Deutschen. Und seit einigen Monaten finden sie Möglichkeiten, sich selbst und ihre Ideologie auf großer Bühne zu präsentieren“, heißt es in dem Text. Fragt man mal einen jener Jugendlichen, die den Nipster-Stempel aufgedrückt bekommen, ob man sich denn wirklich „tarne“, so erntet man zumeist schallendes Gelächter. Doch warum laufen dann immer mehr rechte Jugendliche wie Hipster herum? Weil es ein gefälliger Stil ist, lautet zumeist die Antwort. So einfach kann es sein.

In einer Gesellschaft, die erklärtermaßen eine freiheitliche sein will, wirkt es befremdlich, wenn sich darüber mokiert wird, dass Leute mit einem bestimmten Gedankengut nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar sind. Was man auch immer von den sogenannten Nipstern hält, eine echte Gefahr für die Demokratie, wie manche raunen, dürfte weniger von ihnen ausgehen, als von jenen Gesinnungsforschern, die den Anspruch erheben, jemanden mit einer bestimmten politischen Einstellung gefälligst auch sofort als einen solchen zu erkennen.

Letzte Änderung am Freitag, 05 September 2014 20:11
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