www.derfflinger.de

Freigegeben in Boulevard

König Fußball lenkt ab

Nutzen Politiker Fußball-Großereignisse, um Wichtiges durchzuwinken?

Samstag, 14 Juni 2014 15:43 geschrieben von  Jens Hastreiter
Fußball Weltmeisterschaft 2014 Fußball Weltmeisterschaft 2014 Quelle: pixabay.com

Berlin - Mega-Events wie die Fußball-WM sind nicht nur sportliche Großereignisse, sondern auch politisch brisant. Während die Fußballnation nämlich gebannt an den Großbildschirmen hängt, können die Politiker mehr oder weniger ungestört manches „durchwinken“, was ansonsten, wenn die Öffentlichkeit genauer hinschaut, nicht so leicht möglich wäre.

Das wird auch diesmal nicht anders sein – und es ist auch nicht das erste Mal: Während bei der WM 2006 in Deutschland für die Fans ein Sommermärchen wahr wurde, beschlossen Bundestag und Bundesrat, die Mehrwertsteuer zu erhöhen, ab Januar 2007, von 16 auf 19 Prozent.

Auch 2010, während der WM in Südafrika, wurde im Bundestag im Windschatten des deutschen Halbfinales gegen Spanien Wichtiges durchgewinkt. Einen Tag zuvor hatten die Spitzen von Union und FDP bei einem Treffen im Kanzleramt beschlossen: der Beitragssatz für die gesetzlichen Krankenkassen steigt, von 14,9 Prozent auf 15,5.

2012 bei der Europameisterschaft wieder das gleiche Spiel: Deutschland gegen Italien, rund 28 Millionen verfolgen das Spiel im Fernsehen oder auf der Leinwand. Im Bundestag sitzen zu dem Zeitpunkt exakt 26 Abgeordnete. Als Petra Pau „Tagesordnungspunkt 21“ aufruft, die „zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Gesetzentwurfs zur Fortentwicklung des Meldewesens", brauchen die 26 Volksvertreter nicht einmal eine Minute, um die gewichtige Reform abzusegnen. Die Reden sind zu Protokoll gegeben, darauf haben sich im Vorfeld alle Fraktionen verständigt.

Das neue Meldegesetz, das der Bundesrat später wieder kassiert und korrigiert, sieht immerhin vor, daß Ämter die Daten von Bürgern an Firmen und Adresshändler weitergeben dürfen, wenn die Bürger vorher nicht ausdrücklich widersprochen haben. Auf diese Fassung haben sich Union und FDP im Innenausschuss mit ihrer Mehrheit wenige Tage vorher verständigt und die ursprünglich verbraucherfreundlichere Fassung ins Gegenteil verkehrt. Das fällt allerdings niemandem so richtig auf, weil sich auch die Journalisten mehr für Fußball als für Politik interessieren.

Günter Bannas, Leiter des politischen Ressorts der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in Berlin, hält die These, Politiker winkten wichtige Themen während eines Fußball-Events klammheimlich durch, trotzdem für übertrieben. Dieses Jahr, so Bannas, dürfte das ohnehin nicht klappen: „Weil die Bundestagssitzungswochen vor der Sommerpause beendet sein werden, wenn die WM erst richtig anfängt. Also das Viertelfinale, falls Deutschland soweit kommen sollte, wird erst dann sein, wenn der Bundestag in die Sommerferien gefahren ist."

Früher war auch das Verhältnis zwischen Fußball und Politik unkomplizierter. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer zum Beispiel spielte lieber Boccia, und beim „Wunder von Bern“ 1954 war kein einziger deutscher Politiker anwesend. Die Fußballifizierung der bundesdeutschen Politik griff erst viel später, unter Helmut Kohl, um sich.

Artikel bewerten
(3 Stimmen)
Schlagwörter: