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Ist "Kiezdeutsch" eine Bereicherung?

Schlechtes Unterschichten-Deutsch beschäftigt die Sprachwissenschaftler

Dienstag, 01 Juli 2014 09:41 geschrieben von  Jens Hastreiter
Duden Duden Quelle: duden.de

Hamburg - Sprachwissenschaftler sind sich einig darin, daß sich in Deutschland ein stillschweigender „Sprachwandel" vollzieht. Viele Linguisten sehen aber in einer rudimentierten Jugend- oder Zuwanderersprache nicht etwa Zeichen des kulturellen Niederganges, sondern ein Indiz der „Bereicherung". So soll auch „Kanaksprak", das von schlecht integrierten Jugendlichen mit „Migrationshintergrund" gesprochene Idiom, jetzt als „Kiezdeutsch" aufgewertet werden.

Eine der umtriebigsten Expertinnen zum Thema „Kanaksprak" ist seit langem die Sprachwissenschaftlerin  Heike Wieses von der Universität Potsdam, die seit Jahren versucht, den Terminus „Kiezdeutsch" im sprachwissenschaftlichen Diskurs der Bundesrepublik zu etablieren, bislang allerdings ohne Erfolg.

Und so sieht die „kiezdeutsche" Weiterentwicklung der deutschen Sprache aus, dargestellt an einigen Beispielen: „Kommst du mit Klo?" oder „Ich war Fußball" - solche Sätze aus dem Munde Heranwachsender mit „Migrationshintergrund" sind zwar an manchen Berliner Schulen Alltag, richtig sind sie deshalb aber noch lange nicht. Richtig ist vielmehr, dass „Kanaksprak" auf essentielle Bestandteile der deutschen Grammatik verzichtet, zum Beispiel auf korrekte Präpositionen.

Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese findet diese Entwicklung allerdings ganz phantastisch. Ihre Germanistikstudenten hätten Teenagern diese Sätze in „türkisch geprägten Stadtvierteln Berlins abgelauscht". Das spielerische Wiederholen eines Wortes mit einem „m" davor habe seinen Ursprung im Türkischen, meint Wiese. Für sie sind die Jugendlichen in Berlins „Migrantenvierteln" wie Kreuzberg und Wedding sprachlich sehr kreativ.

Allerdings soll „Kiezdeutsch" nicht automatisch muslimischen Zuwandererkindern zugeordnet werden, weshalb es auch nicht zwangsläufig etwas mit „Migration" zu tun habe. Als Beweis wird die Doktorarbeit der Berliner Soziolinguistin Diana Marossek herangezogen. In allen Berliner Bezirken habe die Doktorandin seinerzeit zugehört, wie insgesamt rund 1.400 Acht- und Zehntklässler miteinander redeten. Sie fand dabei angeblich keine großen Unterschiede, einerlei, ob es sich um deutsche Muttersprachler handelte oder nicht, ob die Schüler in normalen Wohnvierteln lebten oder im „Migrantenviertel" Neukölln. Von türkischen Klassenkameraden hätten die Teenager ihr Kiezdeutsch dabei nicht abgekupfert, ist Marossek überzeugt.

„Kiezdeutsch verstärkt, was ohnehin schon da war", sagt auch Heike Wiese. Sie meint zudem, dieses Kauderwelsch stehe bei vielen Jugendlichen für das entspannte Plaudern unter Freunden und manchmal auch für Provokation.

Sprachkenner ziehen allerdings eher den Vergleich mit dem sogenannten „Pidgin"-Englisch in Großbritannien, das sich ebenfalls aus den rudimentierten Sprachgewohnheiten von Zuwanderern in England entwickelt hat. Richtig ist auch die Beobachtung, dass das Umsichgreifen von „Kiezdeutsch" bzw. „Kanaksprak" auch eine Folge der ethnischen Veränderungen ist, denen die bundesdeutsche Gesellschaft stillschweigend unterliegt. je weniger ethnische Deutsche vorhanden sind, umso weniger wird Hochdeutsch gesprochen, dafür umso mehr Kanaksprak. Gerade in Schulklassen mit hohen Ausländeranteilen lässt sich gut studieren, dass sich die letzten verbliebenen Schüler ohne „Migrationshintergrund" oft sprachlich der Mehrheit ihrer ausländischen Mitschüler anpassen, um nicht aufzufallen. Ob solche Entwicklungen als „Bereicherung" aufzufassen sind, darüber streiten die Gelehrten aber noch.

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