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Sammlung des Heinz Dietel

Vergleich um bedeutende Kunstsammlung der DDR erzielt

Montag, 21 Juli 2014 17:23 geschrieben von  Susanne Hagel
DDR - Sozialistische Kunst 1970 DDR - Sozialistische Kunst 1970 © Klaus Morgenstern / ddrbildarchiv.de

Berlin - Der jahrelange Streit um eine der bedeutendsten privaten Kunst- und Antiquitätensammlung der DDR hat ein Ende. Der Sohn des verstorbenen Sammlers Heinz Dietel einigte sich mit dem Angermuseum Erfurt auf einen Vergleich. Demnach gehen 23 Kunstgegenstände in seinen Besitz zurück, während 54 weitere im Besitz des Museums verbleiben.

Der Fall Dietel gilt als exemplarisch für den Umgang der DDR mit Kunstsammlern in den 70er Jahren. Rund 200 Sammler seien damals von den Behörden gezwungen wurden, ihre Kunstwerke an den Staat abzugeben. Dieser verkaufte die Werke dann im großen Stil in den Westen, nur wenige landeten in den DDR-eigenen Museen. Um an den Besitz zu gelangen, entwickelten die Behörden fantasievolle Konstrukte: so wurde Heinz Dietel 1974 in Untersuchungshaft genommen, weil er angeblich eine Holzplastik aus Diebesgut erworben haben sollte. Seine Wohnung mitsamt all seiner Kunstgegenstände, vornehmlich Ostasiatika, Silber- und Glasarbeiten, Keramik, Porzellan und Münzen, wurde bis zum Freispruch im Frühjahr 1975 gründlich durchsucht, der Wert seiner Sammlung auf über 2 Millionen Mark geschätzt und Dietel kurzerhand vom Sammler zum Kunsthändler erklärt. Damit wurde Dietels Wohnung automatisch zur Kunsthandlung und die durch die Jahre erfolgte Wertsteigerung der Kunstgegenstände als Gewinn aus einem Gewerbebetrieb betrachtet. Die Behörden verlangten somit die Nachzahlung der Einkommenssteuer und bezifferten Dietels Schulden gegenüber der sozialistischen Volksgemeinschaft mit 1,1 Millionen Mark. Nach mehreren Beschwerden an die Stadt musste der Sammler schließlich nachgeben: er verkaufte Objekte im Wert einer halben Million, welche dann durch die von Schalck-Golodkowski geleitete "Kommerzielle Koordinierung", einem geheimen Bereich zuständig für den (inoffiziellen) Handel mit dem kapitalistischen Ausland, in den Westen verkauft wurden. 
Bis zu seinem Tod im November 1975 waren seine fingierten Steuerschulden noch nicht beglichen, so dass bereits 5 Tage nach seinem Ableben der Direktor des städtischen Angermuseums, Karl Römpler, Dietels Sammlung nach geeigneten Stücken für das Angermuseum durchsuchte. Dietels Sohn Matthias, der am Nikolausvorabend in der Erfurter Wohnung eintraf, stieß nur noch auf zum Abtransport vorbereitete Kisten. 
Die Steuerschuld des Vaters in bar zu begleichen wurde abgelehnt.

2004 nahm Matthias Dietel erstmals Kontakt zur Stadt auf - und stieß auf taube Ohren. Die Kulturdezernentin und Politikerin (Die Linke) Tamara Thierbach verweigerte jeglichen Anspruch des Erben. Vielmehr noch bestritt sie das unrechtmäßige Vorgehen der damaligen Behörden, obwohl ein Untersuchungsausschuss des 12. Deutschen Bundestages dieses Verfahren als eindeutig rechtswidrig befand. »Die Steuerschulden waren nicht konstruiert, sie bestanden. Deshalb waren da Freiwilligkeiten vorhanden.« so Thierbach noch 2010. "Ein Kompromiss ist nicht möglich. Es ist meine Aufgabe das Vermögen der Stadt zu schützen." Zwar hätten sie wohl darüber nachgedacht, wenn es sich um Einzelstücke zum Gedenken an Heinz Dietel gehandelt hätte, "aber doch nicht, wenn jemand den gesamten Bestand fordert".

Darauf begannen die 4 Jahre andauernden Verhandlungen, geprägt von Terminverschiebungen, hinhaltenden Briefen und zahlreichen Treffen zwischen dem Anwalt des Sammlersohnes und der linken Kulturdezernentin bis sich nun mit dem Vergleich eine Lösung fand. 
"Ich bin über den Vergleich sehr froh" äußerte sich Oberbürgermeister Bausewein (SPD) "Jedermann weiß, dass die DDR kein Rechtsstaat gewesen ist. Deshalb ist es zu begrüßen, dass das damals begangene Unrecht zumindest teilweise wieder gut gemacht wird." Auch Frau Thierbach bezeichnete den Vergleich als eine gute Lösung. Sie sei jedoch froh, dass Dietels Erben nicht auf der Rückgabe der ganzen Kunst bestanden haben.

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