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Wird Wolgograd wieder Stalingrad?

Viel Wirbel um nichts: Eine Umbenennung steht nicht auf der Tagesordnung

Dienstag, 10 Juni 2014 14:42 geschrieben von  Jens Hastreiter
Stalingrad Stalingrad Quelle: weltkrieg2.de

Moskau - Der russische Präsident Putin hat in der Vergangenheit immer wieder erkennen lassen, daß er auch in Fragen der Geschichtspolitik ein Pragmatiker ist und im nationalen Interesse für Überraschungen gut ist. So hat sich Putin etwa mehrmals zur Frage einer Rückbenennung des heutigen Kaliningrad in „Königsberg“ geäußert und deutlich gemacht, daß er auch mit dem alten deutschen Namen der Ostseemetropole leben könnte.

Jetzt hat sich Putin auch in einer anderen Namens-Diskussion zu Wort gemeldet. Am Rande der Gedenkfeierlichkeiten in der Normandie sprach er erstmals über die Möglichkeit, das heutige Wolgograd wieder in Stalingrad umzubenennen. Bei den Betroffenen, der Bevölkerung von Wolgograd, stößt das allerdings auf weit weniger Interesse als in der internationalen Presse. „An Äußerungen zum Thema Stalingrad ist man in Wolgograd längst gewohnt“, kommentierte der Politologe Andrej  Mironow. Nach seinen Worten sind Forderungen zur Umbenennung der Stadt jedes Jahr zu hören. „Je mehr von einer Umbenennung in Stalingrad gesprochen wird, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es dazu überhaupt kommt.“

Zum ersten Mal hatte 1996 der damalige russische Präsident Boris Jelzin die Umbenennung Wolgograds ins Gespräch gebracht. Während des Wahlkampfes im Jahr 1996 wandte er sich bei einem Treffen auf dem Mamajew-Hügel mit den Worten „meine lieben Stalingrader“ an die Einwohner der Stadt und erklärte, dass die Stadt wieder Stalingrad heißen könnte, falls die Einwohner dies wollten.

Jetzt äußerte sich auch Putin erstmals zu einer denkbaren Umbenennung in Stalingrad, allerdings nur, wenn dies dem Wunsch der Einwohner entspreche. Beobachter interpretieren diesen Vorbehalt so, dass es Putin selbst mit einer solchen Rückbenennung nicht eilig hat. Putin soll zudem bei einem Treffen mit dem Gouverneur des Gebietes Wolgograd, Sergej Boschenow, im Februar 2013, hinter verschlossenen Türen die Meinung vertreten haben, dass es keinen Grund für eine Umbenennung gebe. Wenige Tage später sagte sein Sprecher Dmitri Peskow damals, dass eine Umbenennung „nicht auf der politischen Tagesordnung des Kremls steht.“

„Wenn Putin die Stadt wirklich in Stalingrad umbenennen gewollt hätte, dann hätte er das verfügt“, sagte der Politologe Alexej Krymin. Nach seinen Worten ist Putin versiert in PR-Aktionen. „Das bedeutet, dass er das Thema Stalingrad für keine gute PR-Aktion hält, zumindest vorerst“, so der Experte.

Auch die regionalen Behörden haben sich in den vergangenen Tagen nicht weiter zu dem Thema geäußert – sogar die Kommunisten nicht, die die Rückkehr zum Stadtnamen Stalingrad immer wieder fordern. Nur die Mitglieder des „Expertenklubs von Wolgograd“, ein Zusammenschluß aus politischen Experten, Soziologen und Journalisten, sowie der Direktor der Gedenkstätte auf dem Mamajew-Hügel, Alexej Wassin, haben sich eindeutig positioniert. „Ich bin eindeutig für Stalingrad“, sagte Wassin. „Denn Stalingrad und nicht Wolgograd ist in der ganzen Welt bekannt. Allein in Paris wurden sechs Objekte nach Stalingrad benannt.“ Eine Rückbenennung wäre zudem „das beste Geschenk für die Veteranen zum 70. Jahrestag des Großen Sieges“.

Nach Umfragen der letzten 15 Jahre würden aber nur 25 Prozent der Wolgograder eine Umbenennung in Stalingrad begrüßen. Die Mehrheit hat sich offenbar längst mit dem jetzigen Namen arrangiert.

Letzte Änderung am Dienstag, 10 Juni 2014 14:51
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