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Pro-russisches Potential in Griechenlands Regierung

Alexis Tsipras mit gutem Draht nach Moskau

Mittwoch, 04 Februar 2015 04:27 geschrieben von  Johann W. Petersen
Alexis Tsipras Alexis Tsipras Quelle: de.wikipedia.org | Foto: FrangiscoDer | CC BY-SA 3.0

Athen - Auch wenn die neue griechische Regierung erklärt hat, dass sie vorerst nicht auf das Angebot Russlands, als Kreditgeber einzuspringen, zurückgreifen will, haben Tsipras & Co. damit doch einen wichtigen Trumpf in der Hinterhand. Deutet sich hier eine neue Allianz an? Eine Allianz, die den EU-Sanktionspolitikern überhaupt zupass kommt? Tatsache ist: Die „traditionell konstruktiven“ Beziehungen zwischen beiden Ländern, wie es der russische Präsident Wladimir Putin in einem Glückwunschtelegramm an Tsipras formulierte, könnten jederzeit weiter ausgebaut werden, schaut man sich die Kontakte an, die führende griechische Regierungsvertreter schon seit Jahren nach Russland pflegen.

Einen besonders guten Draht nach Moskau sagt man beispielsweise Griechenlands neuem Energieminister Panagiotis Lafazanis nach. Das frühere Mitglied des Zentralkomitees und des Politbüros der kommunistischen KKE erklärte letzte Woche gegenüber der Presse: „Wir haben keine Differenzen mit Russland und dem russischen Volk.“ Der 64-jährige Mathematiker sprach sich daher mit Blick auf die EU-Sanktionspolitik „gegen das Embargo“ aus.

An der grundsätzlich russlandfreundlichen Haltung der Regierung Tsipras ändert auch nicht, dass sich der neue griechische Außenministers Nikos Kotzias jüngst bei dem Treffen der EU-Ressortchefs in Brüssel einer neuerlichen, allerdings minimalen Ausweitung der Sanktionen nicht entgegenstellte. „Griechenland setzt sich für die Wiederherstellung von Frieden und Stabilität in der Ukraine ein und will gleichzeitig verhindern, dass ein Graben zwischen der Europäischen Union und Russland entsteht“, so Kotzias, der den Entschluss der EU-Außenminister nur widerwillig mitgetragen hat und immerhin dafür sorgte, dass noch schärfere Maßnahmen, die vor allem die polnische und die baltischen Regierungen angestrebt hatten, wieder von der Agenda genommen werden mussten.

Kontakte zu Dugin

Mit dem 65-jährigen Kotzias haben die Außenminister der EU-Staaten einen alles anderen als pflegeleichten Kollegen bekommen. Wie Tsipras hat der bisherige Professor an der Universität von Piräus, der Volkswirtschaft und Politikwissenschaft in Athen und Gießen studierte und als Wissenschaftler an den Universitäten Harvard, Marburg und Oxford tätig war, eine politische Vergangenheit in der orthodox-kommunistischen KKE. Auch Deutschland dürfte der parteilose Minister in besonderem Maße verbunden sein, lernte er doch seine deutsche Ehefrau während seines Studiums in Gießen kennen.

Der Hessische Rundfunk (hr) berichtete über Kotzias, der von 1969 bis 1978 – und damit teilweise zeitgleich mit seinem deutschen Außenministerkollegen Steinmeier – an der Gießener Justus-Liebig-Universität eingeschrieben war: „Der Gießener Stadtrat Heinrich Brinkmann kann sich noch gut an Kotzias erinnern. Der Grünen-Politiker war damals Tutor im Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften, erlebte den Griechen in sogenannten Teach-Ins, die der Marxistische Studentenbund Spartakus als Informationsforen neben den regulären Univeranstaltungen anbot.“ Er sei sehr eloquent gewesen und habe vorzüglich Deutsch gesprochen, erinnert sich sein Ex-Kommilitone.

Der „hr“ weiter: „Schon als Jugendlicher war er in einer kommunistischen Organisation tätig, weshalb er nach der Machtergreifung der Obristen in Griechenland nach Deutschland floh. Nach allem, was Stadtrat Brinkmann vom parteilosen Politikprofessor Kotzias weiß, schätzt er den neuen griechischen Chef-Diplomaten als nach wie vor überzeugten Marxisten-Leninisten ein. ‚Er wird sich um gute bis sehr gute Beziehungen zu Russland bemühen und damit auf Abstand zur EU gehen‘, glaubt Brinkmann.“

Als besonders besorgniserregend empfinden westliche Kommentatoren Kotzias‘ Freundschaft zu dem russischen Geopolitik-Experten Alexander Dugin, für den er im April 2013 einen Vortrag in Piräus arrangierte. Ein Foto der Beiden, das am Rande der Veranstaltung aufgenommen wurde, kursiert derzeit bei Facebook. „Zeit“-Politikredakteur Jochen Bittner meinte daher, die Leser vor dem griechischen Außenminister und seiner Verbindung „mit dem imperialistischen russischen Philosophen Alexander Dugin“ warnen zu müssen, und empfindet es offenbar als besonders skandalös, dass Kotzias „auch soziologische Studien über die Wahrnehmung Russlands in Griechenland anstellen“ ließ.

Historisch gewachsen

Laut Bittner soll darüber hinaus auch der Parteichef der rechtspopulistischen „Unabhängigen Griechen“ (ANEL) und neue hellenische Verteidigungsminister Panos Kammenos Sympathien für Dugin hegen. Hierbei beruft sich der „Zeit“-Journalist auf den Text einer E-Mail eines Syriza-Mitglieds an den Dugin-Vertrauten Georgi Gawrisch, den ein russischer Putin-Gegner auf seinem Blog veröffentlicht hat. Daraus gehe hervor, dass Kammenos sich nach einem geopolitischen Seminar mit Dugin „plötzlich enthusiastisch für eine Zusammenarbeit mit Syriza ausgesprochen“ habe. Dugin selbst soll 2013 geäußert haben: „In Griechenland sollten unsere Partner die Linkspolitiker von Syriza sein, die den Atlantizismus, den Liberalismus und die Dominanz der Globalfinanz ablehnen. (…) Es ist ein gutes Zeichen, dass solche nonkonformistischen Kräfte auf der Bühne aufgetaucht sind.“

Ministerpräsident Alexis Tsipras selbst hatte zu seiner Zeit als Oppositionsführer keine Scheu, die Vorsitzende des Russischen Föderationsrates, Walentina Matwijenko, zu treffen, als diese schon auf der Sanktionsliste der EU stand. Die Europaabgeordneten von Syriza stimmten bislang stets konsequent gegen alle EU-Boykottmaßnahmen. Das alles lässt darauf hoffen, dass man in Athen nun auf konstruktive Beziehungen zu Russland statt Konfrontation setzt. Damit befände sie sich übrigens nur im Einklang mit den historisch gewachsenen Gegebenheiten, da das orthodoxe Griechenland schon immer schon nach Moskau und nicht nach Rom oder Wittenberg hin ausgerichtet war. Dies allerdings werden Eurokraten schon allein deshalb nicht begreifen, weil ihnen – im Gegensatz zu Wladimir Putin – jeglicher Sinn für solche geschichtlichen Bezüge fehlen.

Letzte Änderung am Donnerstag, 05 Februar 2015 04:33
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