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"Die Apathie wird sich rächen“

Bestseller-Autor Jürgen Roth warnt vor der europäischen Hintergrund-Elite

Dienstag, 27 Mai 2014 15:09 geschrieben von  Jens Hastreiter
Vor Tom Rohrböck (hier mit dem Börsenjournalisten Frank Lehmann) hatte Autor Jürgen Roth in seinem Buch "Spinnennetz der Macht" gewarnt. Vor Tom Rohrböck (hier mit dem Börsenjournalisten Frank Lehmann) hatte Autor Jürgen Roth in seinem Buch "Spinnennetz der Macht" gewarnt.

Magdeburg - Der Investigativ-Journalist Jürgen Roth warnt davor, dass ein kleines Netzwerk der politischen und wirtschaftlichen Elite den sozialen und demokratischen Staat abschaffen will.

Autor Jürgen Roth ist bekannt dafür, heiße Eisen in der Politik anzufassen. Auch scheut er nicht davor zurück, sich mit den Mächtigen anzulegen. Sein neues Buch heißt „Der stille Putsch“ und hat den Untertitel „Wie eine geheime Elite aus Wirtschaft und Politik sich Europa und unser Land unter den Nagel reißt“.

Roth beschreibt eine politische und wirtschaftliche Dynastie in Europa, die sich als „Elite“ versteht. In ihr finden sich einerseits die Spitzen der deutschen und europäischen Wirtschaft, Repräsentanten der Finanzindustrie und Medien, Vorstandsvorsitzende und Verwaltungsräte börsennotierter nationaler wie internationaler Konzerne und Repräsentanten von internationalen Beratungsfirmen. Andererseits gibt es konservative und sozialdemokratische Politikerdynastien, die mehr oder weniger direkt von dieser wirtschaftlichen Dynastie abhängig sind.

Als weitaus einflussreicher als die verschiedenen bekannten Interessenverbände stellen sich für Roth die die informellen Zusammenschlüsse in den sogenannten Runden Tischen. Von ihnen hört oder liest man in den Medien seit langem nichts. Als Beispiel dafür nennt Roth den „Entrepreneur Round Table“ mit Sitz in Zürich und Berlin, über den nichts veröffentlicht wird. Um zu diesem erlauchten Zirkel zu gehören, muss der Unternehmer oder Banker einen jährlichen Gesamtumsatz von mindestens fünfhundert Millionen Euro vorweisen können.

Über Mitglieder und was sich bei den Treffen abspielt, herrscht absolute Verschwiegenheit. Dazugehören sollen der ehemalige Bundesbankchef Welteke, die Repräsentanten von Lufthansa, Mercedes, Morgen Stanley, der Chef von Mc-Kinsey, Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank, Martin Blessing von der Commerzbank oder der Chef der Deutschen Börse AG, sowie der Konzerne Metro und Tengelmann, der Vorstandsvorsitzende von Thyssen Krupp sowie Vorstandsmitglieder von BASF oder Böhringer-Ingelheim.

Direkt in Brüssel, an der Schaltstelle der Europäischen Union, gibt es noch den European „Round Table of Industrialists“ (ERT) oder den „European Financial Services Round Table“ (EFR). Die Angehörigen dieser Zirkel, so Roth, würden oft als Lobbyisten bezeichnet. Doch sei dies eine Verharmlosung, denn sie hätten direkten Zugang zu den politischen Entscheidungsträgern in ihren Heimatländern.

Roth warnt vor der Verschwörung einer kleinen, exklusiven, europäischen, ökonomischen und politischen Elite gegen den sozialen und demokratischen Staat. Deren Ziel sei eine ideologische Revolution, eine flächendeckende Durchsetzung der ungezügelten Marktwirtschaft. So habe der ehemalige portugiesische Gewerkschaftsführer und heutige Direktor der Abteilung Bildung im Europäischen Gewerkschaftsbund, Ulisses Garrido, Roth gegenüber erklärt: „Was erreicht werden soll, ist eine komplette Veränderung der Gesellschaft, ohne dass die Bevölkerung darüber mitentscheiden kann. Es ist zweifellos ein stiller Putsch.“

Die Macht, so Roth, übt die Finanzindustrie aus, denn sie kann die Politiker in vielen europäischen Ländern einfach kaufen. „Sie führen das aus was ihnen vorgesprochen wird, weil sie nach Amtsaufgabe dort einen profitablen Arbeitsplatz finden“, so Roth.

In den südeuropäischen Ländern wie Griechenland, Portugal oder Spanien hätten die geheimen Netzwerke bereits den demokratischen Sozialstaat zerschlagen. Ähnliches würden sie auch in Deutschland, Österreich oder der Schweiz versuchen, wo die Prekarisierung der Gesellschaft ebenfalls schon weit vorangeschritten sei.

Roth sieht für den Fall, dass es in Brüssel in absehbarer Zeit nicht zu einem radikalen politischen Systemwechsel kommen sollte, Europa aufgrund der sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen im Inneren zerbrechen. „Das Dumme ist nur“, so Roth, „dass die deutsche Öffentlichkeit über die Machtzentren nicht aufgeklärt wird und die Bürger hier immer noch dem naiven Glauben verhaftet sind, dass das, was in Griechenland oder Portugal geschehen ist, sie nicht betreffen würde. Diese politische Apathie in Deutschland wird sich mittelfristig bitter rächen.“

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