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Eine EU-Verordnung bedroht Leib und Leben

Brüssel krempelt die deutsche Luftrettung um – mit fatalen Folgen

Freitag, 23 Mai 2014 14:53 geschrieben von  Jens Hastreiter
Brüssel krempelt die deutsche Luftrettung um – mit fatalen Folgen Quelle: europa.eu

Brüssel - Deutschland setzt derzeit eine EU-Verordnung um, die die Standards für die Zulassung von Rettungslandeplätzen verschärft. Viele Flächen sind dadurch künftig nicht mehr nutzbar. Das kann verheerende Folgen haben.

Und das geht so: bislang entschieden Arzt, Rettungsleitstelle und Pilot im Notfall, wo die beste Versorgung zu erwarten und welche Rettungseinrichtung schnell erreichbar ist. Dorthin wurde geflogen. Ab dem 28. Oktober 2014 wird es dagegen komplizierter – und zeitraubender.

Dann tritt nämlich auch in Deutschland eine bislang noch ausgesetzte Verordnung der EU-Kommission in Kraft. Sie hat Vorrang vor der nationalen Gesetzgebung. Die Änderungen sorgen für Aufregung und Unverständnis bei Krankenhäusern, Luftrettungsdiensten und in der Hubschrauber-Branche.

Denn: durch die neue Regelung wird eine Katalogisierung, Neueinteilung und Zulassung der Landeplätze vorgenommen. Damit wird festgelegt, ob und wie die Plätze künftig überhaupt noch angeflogen werden dürfen. Nach der neuen EU-Verordnung dürfen künftig über dicht besiedeltem Gebiet zum Beispiel nur noch besonders leistungsfähige Hubschrauber genutzt werden, die dann die zugelassenen Landeplätze ansteuern sollen – und auch von diesen werden künftig nicht mehr alle zugelassen sein.

Denn bei den meisten städtischen Flächen handelt es sich um alte Plätze, die nicht das gewünschte hindernisfreie Gelände bieten. Bislang nahm man es damit offensichtlich nicht so genau. Aber künftig wird sich nicht jedes Krankenhaus die Investition für einen zugelassenen Platz mit allen Auflagen leisten können. Außerdem wäre er an vielen Orten wegen der Hindernisse im Umfeld gar nicht herstellbar.

Einen Ausweg soll eine weitere Verkomplizierung schaffen: die Umwandlung in „Public Interest Sites“ – oder Ausnahmeplätze –, doch auch hier gibt es strenge Vorgaben. Auf diesen Landeplätzen sind nach derzeitiger Planung dann künftig nur 100 Starts und Landungen pro Jahr, also ein (in Zahlen: 1) Anflug pro Woche, erlaubt. Flüge in der Nacht sollen grundsätzlich verboten werden – Autobahnunfälle nach 22.00 Uhr empfehlen sich deshalb in Zukunft nicht mehr.

Aber es geht noch komplizierter: ein „Ausnahme-Landeplatz“ soll nur dann noch genehmigt werden können, wenn er vor 2002 bestand. „Alle Krankenhäuser, die in den letzten zwölf Jahren einen Landeplatz gebaut haben, müssen ihn entweder als genehmigten Landeplatz umrüsten, oder sie werden nicht mehr angeflogen", erläutert Iris Juditzki von der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft.

In ihren Augen ist mit den zahlreichen Einschränkungen der Landeplätze „die Patientenversorgung gefährdet". In vielen Fällen „zählt jede Minute“, weiß die Ärztin aus Erfahrung. Aber wenn ein Hubschrauber künftig zum Beispiel einen „Ausnahme-Landeplatz“ anfliegen will, weil es um Leben oder Tod geht, muss der Nachweis erbracht werden, dass es sich tatsächlich um eine lebensgefährliche Situation handelt. Ansonsten macht sich der Pilot strafbar.

Beim  Deutschen Hubschrauber Verband (DHV), in dem auch die Rettungsdienste Mitglied sind, schrillen denn auch die Alarmglocken. „Etwa 60 bis 70 Prozent der Landeplätze an Krankenhäusern erfüllen weder die künftigen Anforderungen der europäischen Gesetzgebung, noch können sie in Ausnahme-Landeplätze umdefiniert werden", sagt Geschäftsführer Thilo Scheffler. Er argumentiert, daß die EU-Verordnung durch einen enormen Bürokratieaufwand zu weit geht und zudem schlichtweg praxisfremd sei. Deutschland verfüge über eines „der besten, breitesten und sichersten Netze für Luftrettung“. In 40 Jahren Flugrettung liege die Unfallquote mit Personenschäden bei unter 0,01 Prozent.

Die Umsetzung der neuen Vorschriften, bei denen die Betreiber der Rettungsflotten die genaue Katalogisierung der Landeplätze mit allen Details vornehmen müssen, würde die Kosten um 20 bis 30 Prozent erhöhen. Eine Ausdünnung der Landeplätze würde zwangsläufig auch zu längeren Flugzeiten und zusätzlichen Bodentransporten führen. Neben den Nachteilen für die Patienten müssen die Krankenkassen in diesen Fällen auch mit höheren Kosten rechnen, weil nach Flugminuten abgerechnet wird.

Schefflers Fazit: „Mit der Umsetzung der EU-Vorgaben kommt es zu einem negativen Dominoeffekt zu Lasten der Gesellschaft", sagt der Geschäftsführer des Branchenverbandes der Hubschrauberbetreiber. Man kann es auch anders ausdrücken: Vorsicht, die EU schadet Ihrer Gesundheit!

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