www.derfflinger.de

Freigegeben in Politik

Positionen zur eigenen Geschichte

Brauchen die Deutschen eine Lektion von Ahmet Davutoglu?

Samstag, 09 Mai 2015 17:00 geschrieben von  Enno-Martin Cramer
Davutoğlu (rechts) 2013 mit dem iranischen Außenminister Mohammed Dschawad Sarif Davutoğlu (rechts) 2013 mit dem iranischen Außenminister Mohammed Dschawad Sarif Quelle: de.wikipedia.org | Foto: VOA - Voice of America

Dortmund - Mit seinen Auftritt vor rund 15.000 Anhängern in der Dortmunder Westfalenhalle ist der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu in die Fußstapfen seines Vorgängers getreten. Erdogan, heute Präsident der Türkei, trat gerne in Fußballstadien auf, um die in Deutschland lebenden Türken und Türkischstämmigen mit markigen Worten zu umgarnen.

Es war zwar nicht in der Westfalenhalle, aber nur knapp einhundert Kilometer südwestlich in der Köln-Arena, wo Erdogan seine Landsleute – und als solche hat er auch die in Deutschland lebenden Türken und deutschen Staatsbürger türkischer Herkunft stets angesehen – 2008 dazu ermahnte, ihre Kultur, Religion und Identität zu bewahren und wo er Assimilation als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnete.

Nun also warb sein Nachfolger Davutoglu in Dortmund um die Stimmen der in der Bundesrepublik lebenden 1,4 Millionen türkischen oder doppelten Staatsbürger, die bei den Parlamentswahlen am 7. Juni stimmberechtigt sind. Der einstige Außenminister kämpft um jede Stimme. Obwohl von einem weiteren Wahlsieg seiner islamisch-konservativen AKP ausgegangen wird, könnte es diesmal knapper als zu Erdogans Zeiten werden. Meinungsforscher sprechen von Verlusten. Es ist offen, ob die Partei auch weiterhin ohne Koalitionspartner auskommen wird.

Da macht es sich gut, nicht nur an den nationalen Stolz zu appellieren, sondern auch Kritik an jenen zu üben, die die Ehre der Türkei angeblich beschmutzen wollen, indem sie auch die dunklen Seiten der türkischen Geschichte ansprechen. Hiermit ist in erster Linie der Völkermord an den Armeniern gemeint, den die türkische Regierung bis heute nicht als einen solchen anerkennen will.

So wandte sich Davutoglu in seiner Rede auch an die Abgeordneten des Bundestages und an die Bundesregierung, als er äußerte: „Wenn jemand versuchen sollte, über den angeblichen Völkermord uns Geschichtslektionen zu erteilen, lautet unsere Antwort: Wir haben mit den Armeniern und den anderen Völkern Anatoliens zusammengelebt. Wir wissen, wie wir mit ihnen zu reden und wie wir uns der Geschichte anzunähern haben.“ Man werde es nicht zulassen, so der türkische Ministerpräsident weiter, „dass Leute, die sich nicht ihrer eigenen Geschichte stellen können, uns belehren und unsere Geschichte, unsere Würde infrage stellen.“

Moment mal! Davutoglu wirft ausgerechnet den Deutschen vor, sie würden sich nicht ihrer eigenen Geschichte stellen? Es gibt wohl keine andere Nation, die sich so intensiv mit den Schatten ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt hat wie die die deutsche. Entweder weiß der türkische Ministerpräsident nicht, wovon er spricht, oder – und das wäre noch ärgerlicher – er will durch diesen Seitenhieb über die eigenen Versäumnisse hinwegtäuschen. Das sollte man Davutoglu aber nicht durchgehen lassen.

Die Deutschen erinnern immer wieder an die schrecklichen Verbrechen, die in der Zeit des Nationalsozialismus in deutschem Namen begangen wurden. Manche behaupten sogar, die Vergangenheitsbewältigung habe schon Ausmaße angenommen, die dazu führen könnte, dass gerade jüngere Menschen nicht mehr sensibilisiert werden, sondern abstumpfen. Man kann sicherlich über die Art und Weise der hiesigen Gedenkkultur streiten, aber eines steht wohl fest: Die notwendige Aufarbeitung der NS-Verbrechen hat stattgefunden und findet weiterhin statt.

Es stünde auch der türkischen Regierung gut zu Gesicht, endlich zu akzeptieren, was historisch erwiesen ist – und zu beginnen, sich mit dem Genozid an den Armeniern so auseinanderzusetzen. So wie sich andere Nationen mit den dunklen Seiten ihrer Geschichte auseinandergesetzt haben. Eine Lektion in Aufarbeitung brauchen die Deutschen nicht – erst recht nicht vom türkischen Ministerpräsidenten.

Artikel bewerten
(5 Stimmen)