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Die Russland-Strategie des Westens zielt auf einen „Regimewechsel“ in Moskau

Brzezinskis Geopolitik

Freitag, 19 Dezember 2014 20:46 geschrieben von  Johann W. Petersen
Zbigniew Brzeziński Zbigniew Brzeziński Quelle: Tobias Kleinschmidt - www.securityconference.de | CC BY 3.0 de

Magdeburg - Wer die gegenwärtigen Auseinandersetzungen zwischen Russland einerseits und der Ukraine und dem Westen andererseits wirklich verstehen will, muss sich vergegenwärtigen, dass es sich dabei – fernab aller tagespolitischen Fragen – um einen geopolitischen Konflikt größter Tragweite handelt.

Für den Westen wie für Russland stellt die Ukraine einen bedeutenden geopolitischen Faktor dar. Schon mit der inszenierten „Orangenen Revolution“ des Jahres 2004 versuchte der Westen, allen voran seine selbsternannte Führungsmacht USA, den nach Russland flächen- und bevölkerungsmäßig größten Staat Mittel- und Osteuropas unter seine Kontrolle zu bringen, um Moskau einen empfindlichen Schlag zu versetzen und entscheidend zu schwächen.

Damals wie heute folgte Washington dabei einer Strategie, die auf die bereits 1904 von dem britischen Geografen Sir Halford Mackinder in seiner Schrift „The Geographical Pivot of History“ aufgestellten „Heartland“-Theorie formuliert wurde. Demnach ist Osteuropa wegen seines Rohstoffreichtums und seiner Größe „Dreh- und Angelpunkt der Welt“. Mackinder schrieb: „Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland: Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel. Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“ Mit „Weltinsel“ meinte Mackinder seinerzeit das, was heute als Eurasien bekannt ist. Und die Ukraine ist nach Mackinder das „Herzland“ dieser eurasischen Landmasse.

Mehr als 90 Jahre nach Veröffentlichung von Mackinders Aufsatz griff der frühere Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, der als Mentor von Clintons Außenministerin Madeleine Albright gilt und über seine Mitgliedschaft im „Center for Strategic and International Studies“ bis heute enormen Einfluss auf die Außen- und Sicherheitspolitik Amerikas nimmt, die Ideen des britischen Geografen auf und verarbeitete sie in seinem Buch „The Grand Chessboard“ (in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ erschienen).

Auch für Brzezinski ist Eurasien weltpolitisch von zentraler Bedeutung, da dort 75 Prozent der Weltbevölkerung, 60 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, vor allem aber drei Viertel aller weltweit bekannten Energievorkommen zu finden sind. Fast alle politisch und militärisch maßgeblichen Staaten – mit Ausnahme der USA – finden sich in Europa und Asien. Daher ist die Vorherrschaft über Eurasien für die Vereinigten Staaten nach Brzezinski letztendlich die Voraussetzung für ihre Vorherrschaft in der gesamten Welt. Als Instrument zur Sicherung und zum Ausbau dieser Vormachtstellung dient den Amerikanern die NATO.

In  „Die einzige Weltmacht“ empfiehlt die graue Eminenz der amerikanischen Außenpolitik, „die geografisch kritischen eurasischen Staaten ins Auge zu fassen, die aufgrund ihrer geografischen Lage und/oder ihrer bloßen Existenz entweder auf die aktiveren geo-strategischen Akteure oder auf die regionalen Gegebenheiten wie Katalysatoren wirken“. Zu solchen „Katalysatoren“ zählt Brzezinski neben der Türkei, dem Iran, Südkorea und Aserbaidschan auch die Ukraine. Er schreibt: „Die Ukraine, ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett, ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre bloße Existenz als unabhängiger Staat zur Umwandlung Russlands beiträgt. Ohne die Ukraine ist Russlands kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde dann aber ein vorwiegend asiatisches Reich werden.“ Sollte Moskau allerdings „die Herrschaft über die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodenschätzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen“, so der wohl einflussreichste außenpolitische Denker Amerikas heutiger Tage, „erlangte Russland automatisch die Mittel, ein mächtiges Europa und Asien um-spannendes Reich zu werden.“

Die Unabhängigkeit der Ukraine zwang laut Brzezinski „nicht nur alle Russen, das Wesen ihrer eigenen politischen und ethnischen Identität neu zu überdenken, sondern stellte auch für den russischen Staat ein schwerwiegendes geopolitisches Hindernis dar“. Sie habe zudem Russland „seiner beherrschenden Position am Schwarzen Meer“ beraubt, „wo Odessa das unersetzliche Tor für den Handel mit dem Mittelmeerraum und der Welt jenseits davon war“. Mit ihrer slawisch-orthodoxen Bevölkerung und ihrer geografischen Lage sei die Ukraine somit essentiell wichtig für Russland, um wieder zu einer den USA ebenbürtigen Großmacht aufzusteigen.

Brzezinski hat jedoch nicht nur Überlegungen zur Ukraine angestellt, sondern in seinem 2013 erschienenen Buch „Strategic Vision. America and the Crisis of Global Power“, das bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurde, eine Blaupause für ein Russland „nach Putin“, also einem etwaigen „regime change“, geliefert. „Angezogen von offenen Räumen und neuen unternehmerischen Möglichkeiten“, so Brzezinski in „Strategic Vision“, „würde die europäische Jugend herausgefordert werden ‚nach Osten zu gehen‘, sei es zum nord-östlichen Sibirien oder zum östlichen Anatolien“. So könne eine „friedliche Welt“ entstehen, in der das „größere Europa“ zusammen mit Amerika der drohenden „globalen Anarchie“ (also der von Putin angestrebten multipolaren Weltordnung!) entgegentreten könne.

Russland (und auch die Türkei) müsste zuvor allerdings eine „echte Transformation“ durchlaufen, die sie vollständig für den Westen öffne. Brzezinski  wörtlich: „Es ist (auch) vernünftig anzunehmen, dass im Verlaufe der nächsten zwei oder mehr Jahrzehnte ein ernsthaftes kooperatives und verbindliches Arrangement zwischen dem Westen und Russland erreicht werden könnte, unter optimalen Umständen sogar bis hin zu einer Mitgliedschaft Russlands sowohl in der EU als auch der NATO – wenn Russland in der Zwischenzeit in eine wahrhaft verständige, auf Gesetzen basierende Transformation eingestiegen ist, die sowohl mit EU- als auch mit NATO-Standards kompatibel ist.“ Schon das „nächste Jahrzehnt könnte entscheidend sein für Russlands Zukunft“ und, indirekt, für die Aussichten des „vitaleren und erweiterten Westens“.

Brzezinski weist jedoch explizit darauf hin, dass dies „unglücklicherweise“ mit Putin nicht möglich sei. Dessen Konzeption sei „eine rückwärtsgewandte Kombination von starkem Nationalismus, kaum verhüllter Feindschaft gegenüber Amerika wegen dessen Sieg im Kalten Krieg sowie Nostalgie für Modernität und Supermachtstatus zugleich (finanziert, wie er hofft, durch Europa)“. Er behauptet sogar: „Der Staat, den er formen will, hat bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Italiens Experiment des Faschismus: ein hochgradig autoritärer (nicht totalitärer) Staat, eine symbiotische Beziehung zwischen seiner Machtelite und seiner Geschäftsoligarchie, ein Staat, dessen Ideologie ein kaum verborgener und bombastischer Chauvinismus ist.“

Letztendlich kommt der führende US-Geostratege zu dem Schluss: „Eine systematisch genährte engere Verbindung zwischen Russland und dem Atlantischen Westen (ökonomisch mit der EU, und in Sicherheitsfragen mit der NATO und mit den Vereinigten Staaten im Allgemeineren) könnte beschleunigt werden durch eine allmähliche russische Akzeptanz gegenüber einer wahrhaft unabhängigen Ukraine, die dringender als Russland eng an Europa sein und eventuell ein Mitglied der Europäischen Union sein möchte. Eine Ukraine, die Russland nicht feindlich gesinnt ist, sondern ihm etwas voraus in seiner Annäherung an den Westen hilft, real die Bewegung Russlands westwärts zu ermutigen in Richtung einer möglichen sehr lohnenswerten europäischen Zukunft.“

Bleibe sich Russland selbst überlassen und setze es seine „symbiotischen Beziehungen“ mit Asien, z.B. in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit oder über die Eurasischen Union fort, könne es „erneut eine Quelle für Spannungen und gelegentlich sogar eine Sicherheitsbedrohung für seine Nachbarn sein.“ Ohne politische Führung, „die die Kraft und den Willen zur Modernisierung“ habe, bleibe Russland unfähig für sich eine „stabile Rolle zu definieren, die eine realistische Balance zwischen seinen Ambitionen und seinem tatsächlichen Potential herstellt.“

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass in Russland aufgrund der anhaltenden Rubel-Krise und der wirtschaftlichen Schwäche, die maßgeblich durch die westlichen Sanktionen mitverursacht wurde, die Gefahr innenpolitischer Unruhen wächst. Diese könnten – siehe Ukraine – dann von außen angefacht oder gar gesteuert werden. Wer Russland in den kommenden Monaten beobachtet, sollte immer Brzezinski im Hinterkopf behalten, um mögliche Vorgänge richtig einordnen zu können.

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