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Aydan Özoguz gefordert - Abschiebestopp für Auszubildende und anonyme Bewerbungen

Chef der türkischen Gemeinde mahnt Versagen der deutschen Bildungspolitik an

Dienstag, 02 Dezember 2014 07:24 geschrieben von  Susanne Hagel
Aydan Özoguz, SPD Aydan Özoguz, SPD Bild: © Aydan Özoguz

Berlin - Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Safter Cinar, macht die Bildungspolitik Deutschlands dafür verantwortlich, dass immer mehr Migranten türkischer Herkunft die Schule ohne Abschluss verlassen.

Es sei "kein ethnisches, sondern ein soziales Problem", dass vor allem die größte Migrantengruppe Deutschlands, die Deutschtürken, so verheerende Prognosen haben. "Die Bildungspolitik der vergangenen Jahrzehnte hat an dieser Stelle versagt", so Cinar. Es bedürfe mehr  Anstrengungen von Politik und Wirtschaft um auch Jugendliche mit schwieriger sozialer Herkunft und geringer Qualifikation in Berufsausbildungen zu bringen. So forderte er etwa begleitende Hilfe von Sozialarbeitern und eine stärkere Bekämpfung der Diskriminierungen aufgrund ausländisch klingender Namen. Gemeinsam mit der Antidiskriminierungsstelle forderte er, dass Betriebe künftig auf anonyme Bewerbungen ohne Foto setzen sollten. Wie die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, sagte, könne es sich kein Arbeitgeber leisten, in Zeiten des Fachkräftemangels Bewerbende auszuschließen. Bei anonymen Bewerbungen werde in der ersten Phase auf Angaben wie Name, Geschlecht, Alter sowie auf ein Foto verzichtet. Weiterhin sei in den letzten Monaten das Gefühl der Zurückweisung wieder stark gewachsen, mahnte Cinar. "In der deutsch-türkischen Community herrscht große Enttäuschung darüber, dass die Bundesregierung das Urteil des Europäischen Gerichtshofs nicht umsetzt", so der Deutschtürke. Der EuGH hatte im Sommer die verpflichtenden Sprachtests für nachziehende Ehegatten aus der  Türkei für rechtswidrig erklärt. Die Bundesrepublik hatte daraufhin erklärt, dennoch nur in Härtefällen auf Sprachtests zu verzichten. Weil die Bundesregierung sich nicht an gesprochenes Recht hält, sei ein "Moment des Misstrauens entstanden." Er forderte die Integrationsbeauftragte Özoguz auf, künftig dafür zu sorgen, dass dem Richterspruch des EuGH Rechnung getragen wird.

Ansonsten schließt sich Cinar den Forderungen des "Impulspapiers", welches von Vertretern einiger Migrantenorganisationen erarbeitet worden ist, an. Dieses soll am heutigen Montag auf dem Integrationsgipfel im Kanzleramt an die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz (SPD) übergeben werden. Darin fordern die Migrantenverbände bessere Informationen zur dualen Ausbildung, weil ihrer Meinung nach den meisten Migranten nur das Studium als geeigneter Aufstiegsweg erscheine, und mehr Unterstützung der Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln beim Übergang auf den Arbeitsmarkt. Auch sie bringen Mentoren ins Spiel, die den Migranten helfen sollen.

Ein weiteres Thema des Integrationsgipfels unter der SPD-Politikerin Özoguz sei die Frage, wie man Erleichterungen für die Ausbildung in Deutschland für Flüchtlinge schaffen könne. Solange der Aufenthaltsstatus unsicher sei, zögerten Betriebe oftmals davor, Flüchtlinge einzustellen. Gemeinsam mit Vertretern aus den Ländern, der Wirtschaft, Gewerkschaften und Migrantenorganisationen, sowie der Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und der Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) wolle man über Möglichkeiten zur Verbesserung der Ausbildungschancen junger Leute aus Zuwandererfamilien beraten. Diese seien zu oft benachteiligt. "Es muss sichergestellt werden, dass geduldete Ausländer, die eine Ausbildungsstelle in Deutschland gefunden haben, diese auch abschließen können", sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Zu oft komme es vor, dass Asylbewerber in der Ausbildung die Abschiebung ereilt. Schweitzer setzt sich im Namen der Wirtschaftsverbände deshalb dafür ein, dass Schule oder eine begonnene Ausbildung als ein dringender persönlicher Grund für die Aussetzung von Abschiebung anerkannt wird. "Für die deutsche Wirtschaft sind die Menschen mit Migrationshintergrund eine große Chance", so Schweitzer.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland forderte das Land dazu auf, sich das Potenzial der Flüchtlinge zu erschließen. Zentralratschef Aiman Mazyek forderte von der Politik "einen Paradigmenwechsel". Mithilfe von Integrationskursen für Flüchtlinge und einer frühzeitigen Erfassung ihrer Qualifizierungen könne man ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern. Auch Merkel teilt diese Ansicht. "Ich denke, wir verschenken immer noch zu viele Potenziale", sagte die Bundeskanzlerin erst am Wochenende und forderte die Arbeitgeber auf, das Wissen und die Fertigkeiten von Einwanderern stärker zu nutzen. Allerdings müssten gute Deutschkenntnisse selbstverständlich sein, schränkte sie ein. "Ein gewisses Eigenengagement muss schon da sein, anders wird das nichts."

Im Vergleich zu Deutschen liegen Ausländer in Deutschland bei der Bildung, der Ausbildung und dem Zugang zum Arbeitsmarkt weit zurück. Dreimal so häufig wie junge Deutsche, in Zahlen 30,5 Prozent der jungen Ausländer, bleiben demnach ohne Berufsabschluss. Vor allem unter den Gruppen türkischer und polnischer Herkunft ist der Anteil besonders hoch.

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