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Baustein einer multipolaren Weltordnung

Chinas neue Seidenstraße

Mittwoch, 17 Juni 2015 20:22 geschrieben von  Johann W. Petersen

Peking – Bis ins 13. Jahrhundert führten mehrere Karawanenstraßen von Ostasien durch Zentralasien bis in den Mittelmeerraum. Ihre Blütezeit hatte die Seidenstraße, so der Name, den der deutsche Geograph Ferdinand von Richthofen diesem Netz von Handelsrouten Mitte des 19. Jahrhunderts gab, zur Zeit der chinesischen Tang-Dynastie (618 bis 907 v. Chr.), als Züge von mehreren tausend Kamelen von der historischen Stadt Chang’an – heute Xi’an – im Nordwesten Chinas aufbrachen, um nicht nur Seide, sondern auch Pelze, Porzellan, Jade, Bronze oder Eisen zunächst bis nach Dunhuang und dann über mehrere Stränge durch Indien, Persien oder den Kaukasus bis ans Schwarze Meer, ans Rote Meer und sogar auf dem Seeweg bis an die italienische Mittelmeerküste zu bringen. Auch in anderer Richtung florierte der Handel, der zugleich dem kulturellen Austausch zwischen den Völkern diente.

Das heutige China unter seinem Präsidenten Xi Jinping will nun die alten Handelsrouten, die das Reich der Mitte einst mit Zentral- und Südostasien, Arabien, Persien, Afrika und Europa verbanden, wieder aufleben zu lassen. Und das hat erneut nicht nur ökonomische Hintergründe, sondern soll erneut auch der Völkerverständigung zugutekommen. Die neue Seidenstraße soll durch mehrere Dutzend Staaten führen: die Landroute von der alten Kaiserstadt Xi‘an über Xinjiang nach Zentralasien, den Iran und den Irak bis in die Türkei und nach Europa, die Seeroute von der südostchinesischen Provinz Fujian über Hainan und Sri Lanka nach Kenia, um das Horn von Afrika und über Athen nach Venedig.

Zusammenarbeit mit Russland

Anders als zu Zeiten der antiken Seidenstraße, wo die Waren auf Kamelen transportiert wurden, bedarf es zur Realisierung dieses ehrgeizigen Projekts gewaltiger Infrastrukturinvestitionen: Straßen, Eisenbahnstrecken, Stromleitungen und Kommunikationsverbindungen müssen gebaut, Pipelines, Kraftwerke und Hafenanlagen errichtet, Hochgeschwindigkeitszüge zum Einsatz gebracht werden. Zu dem Projekt gehört auch ein Güterzug, der schon heute über mehr als 10.000 Kilometer von China bis nach Duisburg fährt. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt stellt für ihr Seidenstraßenprojekt daher riesige Summen an Geld zur Verfügung: Über 40 Milliarden Dollar fließen in den sogenannten „Seidenstraßenfonds“, weitere 50 Milliarden in die neue Asiatische Infrastruktur Investmentbank (AIIB), an der sich neben China über 40 weitere Staaten beteiligen wollen. Chinas Staatspräsident Xi warb für die neuen Handelsrouten unlängst während der Boao-Wirtschaftskonferenz auf Chinas Südseeinsel Hainan mit den Worten: „Sie werden den beteiligten Staaten echte Vorteile bringen. Mehr als 60 Länder entlang der Seidenstraßen und internationale Organisationen haben schon ihr Interesse daran bekundet.“

Ganz unter dem Zeichen der neuen Seidenstraße stand auch das letzte Treffen von Chinas Staatschef Xi und Russlands Präsident Wladimir Putin, das nicht zuletzt dazu diente, mögliche Verbindungen zwischen dem vom Kreml vorangetriebenen Integrationsprojekt der Eurasischen Wirtschaftsunion mit dem ambitionierten Vorhaben Pekings eines Verkehrswegs zwischen Europa und Asien zu eruieren. Der Eurasischen Wirtschaftsunion gehören derzeit Russland, Weißrussland, Armenien, Kasachstan und als fünftes Mitglied seit wenigen Wochen auch Kirgisistan an. Kernstück russischer Infrastrukturpläne sind eine Schnellstraße und eine Hochgeschwindigkeitsbahn zwischen Moskau und Peking, die eine Reise zwischen den beiden Hauptstädten in 48 Stunden ermöglichen soll.

Das Nachrichtenportal „China Observer“ sieht der Entwicklung positiv entgegen, auch wenn es zwischen Russland und China gerade in Zentralasien immer noch Interessenkonflikte gibt: „Das endgültige Ziel des vorgeschlagenen Wirtschaftsgürtels Seidenstraße ist es infrastrukturelle Verbindungen zu schaffen und anschließend Handelspunkte den ganzen Weg entlang bis nach Europa zu entwickeln. Seit Dschingis Khan seine Krieger bis an die Tore Moskaus geführt hat, gab es keine solch gigantische Westexpansion aus Asien mehr. Russlands offizielle Linie gegenüber der Expansion in ehemaliges russisch-beherrschtes Gebiet ist, entsprechend der allgemeinen russischen Mentalität, wahrscheinlich eher von Pragmatismus als von Emotionen geprägt.“

Asiatische Partner

Um die Strecke Moskau-Peking und andere Infrastrukturprojekte schon in näherer Zukunft realisieren zu können, haben die Chinesen mittlerweile auch die Mongolei mit ins Boot holen können. Anfang April trafen sich dazu der chinesische Außenminister Wang Yi und sein mongolischer Amtskollege Lundeg Purevsuren. „Die Einrichtung eines trilateralen ökonomischen Korridors ist einer der Kernpunkte der chinesischen Initiative für den ‚Wirtschaftsgürtel Seidenstraße‘, ließ Wang die Medien nach den chinesisch-russischen Konsultationen wissen. Und sein Ministerium ergänzte: „Es gibt ein großes existentes Gebiet der Zusammenarbeit zwischen China, Russland und der Mongolei. Die Konstruktion des ökonomischen Korridors China-Mongolei-Russland würde Chinas ‚Wirtschaftsgürtel Seidenstraße‘ mit Russlands transkontinentalem Eisenbahnplan und dem mongolischen Programm ‚Steppenstraße‘ verbinden.“

Vergleichbare Projekte verhandelt China derzeit auch mit Indien, Myanmar und Bangladesch. Außerdem gibt es eine bilaterale Initiative mit Pakistan, die den Süden des muslimischen Landes am Arabischen Meer mit der westchinesischen Provinz Xinjiang verbinden soll. Auf einer Strecke von 3.000 Kilometern, von der chinesischen Stadt Kaschgar bis zum pakistanischen Hafen Gwadar am Indischen Ozean, sind nicht nur Straßen und Bahnlinien, sondern auch Öl-und Gasleitungen geplant, die auch durch die pakistanische Unruheprovinz Belutschistan führen sollen. Gwadar steht seit nunmehr zwei Jahren unter der Verwaltung eines chinesischen Unternehmens, das den Hafen für 40 Jahre gepachtet hat, und soll auch an bereits bestehende Freihandelszonen angebunden werden. „Über den Hafen erhält die Volksrepublik künftig direkten Zugang zum Indischen Ozean, was den erfreulichen Effekt stark verkürzter Seetransportwege für arabisches Öl hat“, so „Die Welt“ über das erste mit Geldern der AIIB geförderte Projekt, in dessen Rahmen Peking unter anderem auch ein 1,65 Milliarden Dollar teures Wasserkraftwerk und einen Staudamm bauen will.

Friedensprojekt

China will binnen zehn Jahren sein Handelsvolumen mit den Ländern entlang der wiederbelebten Handelsrouten auf 2,5 Billionen Dollar pro Jahr mehr als verdoppeln. „Ob durch Handel oder gelegentliche militärische Muskelspiele“, so der britische „Economist“, Ziel der Volksrepublik sei es, „seinen regionalen Führungsanspruch zu untermauern“. Lutz Berner, Inhaber von Berners Consulting Global und gleichzeitig Büroleiter des Beratungsunternehmens in Schanghai, drückt es weniger drastisch aus: „Die chinesische Ursorge ist Instabilität, sowohl intern als auch in den Außenbeziehungen. Daher passt die Initiative der ‚neuen Seidenstraße‘ gut ins Bild. Intern gibt es signifikante Potentiale für Instabilität an den Grenzen im Westen des Landes; diese Regionen nun zu regionalen Handelsstützpunkten auszubauen, ist ein geschickter und sicherlich auch in den Regionen gern gesehener Zug und eine logische Weiterführung der bestehenden binnenökonomischen Förderpolitik. Außenpolitisch gesehen vermindert der steigende Handel mit den Nachbarn das Konfliktpotential.“

Der österreichische „Kurier“ kommentierte die Seidenstraßen-Pläne Pekings mit den Worten: „Was auf den ersten Blick wie ein gigantisches Infrastrukturprogramm anmutet, ist in Wirklichkeit viel mehr: Es ist das Hervortreten eines neues Weltakteurs. Das Pochen eines selbstbewusst und reich gewordenen Chinas auf eine Umgestaltung der asiatischen (Handels-)Ordnung nach seinen Wünschen. Mit friedlichen Mitteln. Oder, wie es Chinas Staatschef Xi Jinping formuliert: ‚Mit dem Aufstieg unserer nationalen Stärke hat China die Fähigkeit und den Willen, mehr Gutes für die Asien-Pazifik-Region und die ganze Welt zu tun.“

Hinzuzufügen wäre noch, dass Peking seine Interessen nicht nur friedlich und mit Blick auf den Nutzen für alle Seiten vertritt, sondern auch auf Einmischung in die inneren politischen Angelegenheiten der beteiligten Staaten verzichtet. Insofern ist die Wiedergeburt der Seidenstraße nicht nur ein Handelsprojekt, sondern Baustein einer multipolaren Weltordnung, die auf gegenseitigem Respekt und kulturellem Austausch statt auf Dominanzstreben einer Macht gründet und auch in dieser Hinsicht dem antiken Vorbild gerecht wird.

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