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Der Organisator Lars Märhrholz

Demos und das verlorene Vertrauen

Montag, 21 Juli 2014 11:56 geschrieben von  Susanne Hagel
Demos und das verlorene Vertrauen Quelle: pixabay.org

Berlin - Tausende Bürger füllten am Samstag den Potsdamer Platz in Berlin - und die Medien schweigen. Was ist da los?

Es handelte sich um die erste gemeinsame Mahnwache für den Frieden mit Menschen aus über 80 deutschen Städten in Berlin. Menschen, die so verschieden sind, wie es nur geht. Die Schätzungen der Teilnehmerzahlen variieren stark zwischen 2000 und 8000. Bilder von Demonstranten, die im Internet veröffentlicht worden, zeigen wie gut gefüllt der Potsdamer Platz gewesen ist. In den Medien sucht man Berichte über die Veranstaltung vergebens. Dabei liegen die Studios diverser deutscher Sender nicht weit entfernt.

Liest man sich die, angesichts der Tatsache, dass die Mahnwachen seit März 2014 jeden Montag in mittlerweile über 100 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfinden, spärlichen Presseberichte durch, fällt vor allem eines auf: kein Artikel, der nicht geprägt ist durch Skepsis, Häme oder Unterstellungen. Mal werden die Friedensmahnwachen mit Sekten verglichen, mal werden sie zu Antisemiten erklärt, dann wieder gelten sie als Spinner, Antiamerikanismusanhänger und nicht zu vergessen als von der extremen Rechten unterwandert.

Dabei scheren sich die Teilnehmer wenig um das negative mediale Echo ihrer Mahnwachen: sie gehen einfach jeden Montagabend wieder zu ihren Friedensdemonstrationen und setzen mit ihrer Präsenz ein Zeichen. Ihr Ziel ist der Frieden. Hier, in der Ukraine, in Syrien und überall in der Welt. Dabei lassen sie sich auch von der gern geschwungenen Nazikeule nicht beeindrucken und erklären immer wieder stoisch dieses rechts-links-Schema zu durchbrechen. Jeder Mensch, unabhängig seiner politischen Einstellung, sei willkommen um sich für den Frieden in der Welt einzusetzen. „Rechts…links…ach leckt mich doch“ verkündete ein Teilnehmer aus Hamburg dazu.

Der Begründer Lars Mährholz erklärte:"Kein normaler, vernünftiger Mensch möchte Krieg. Und doch werden weltweit Kriege geführt. Interessanterweise immer in Regionen, die entweder über ein hohes Aufkommen natürlicher Ressourcen verfügen oder geostrategisch von großer Bedeutung sind. Kriege nutzen nur etwas, wenn man in ihnen etwas zu gewinnen hofft. Und wer da hofft – und wer im Gegensatz dazu dafür töten und sterben darf – hat die Geschichte schon oft gezeigt. Es ist an der Zeit, dies den Menschen wieder in Erinnerung zu bringen."

Und so sehen sie hin, die Leute von den Mahnwachen und stellen Fragen: Wer von den Kriegen profitiert, wer verliert und worum es eigentlich -hinter dem, was die Massenmedien berichten- gehen könnte. Das diese nicht objektiv berichten, erfahren die Montagsmahnwächter gerade ja am eigenen Leib. Die hinterfragende Einstellung brachte den Demonstranten den Ruf von Antiamerikanisten und Verschwörungstheoretikern ein. Dabei spiegelt dieses Verhalten die Verunsicherung, das Misstrauen und die Wut der Bevölkerung: in Zeiten von NSA-Skandalen ist das Vertrauen in die Regierenden erschüttert. Die Leute wollen nicht mehr belogen werden, sie wollen sich ihr Bild selbst machen und wollen keine Kriegspolitik aus wirtschaftlichen Gründen unterstützen. Trotz all der Wut und zahlreicher aggressiver Störversuche von linksextremer Seite blieben die Mahnwachen bisher alle friedlich.

Die sonstigen Themen sind so bunt wie die Teilnehmer selbst und spiegeln die Angst, die umgeht: vor Abhörung, vor Genfood, Fracking, vor gleichgeschalteten Medien und deren Meinungsmache, etc. Vielerorts gibt es ein "offenes Mikrophon", welches von jedem Anwesenden genutzt werden kann, der etwas sagen möchte. Kein Thema ist tabu. So verstehen sich die Mahnwachen als Veranstaltung zur Meinungsbildung. Sie geben Denkanstöße, rütteln auf, verstören mitunter auch mit abstrusen Ansichten einzelner Teilnehmer. Doch sie erreichen stets ihr Ziel: wenn man geht, hat man einen ganzen Kopf voll mit Dingen über die nachzudenken es sich lohnt.

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