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Ein hochpolitischer Zwischenfall

Der Boeing-Abschuß bei Donezk ist kein Beitrag zur Deeskalation im Ukraine-Konflik

Freitag, 18 Juli 2014 10:58 geschrieben von  Jens Hastreiter
Screenshot Screenshot Quelle: Lifenews.ru

Berlin - Nach dem Abschuß einer Boeing 777 der Malaysia Airlines über dem bürgerkriegsgeschüttelten Osten der Ukraine am späten Donnerstag Nachmittag bleiben mehr Fragen als Antworten. Nach Angaben sowohl aus Rußland als auch aus der Ukraine wurde das Flugzeug von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen und zerschellte in von pro-russischen Milizen kontrolliertem Gebiet nahe Donezk auf dem Boden. Die Zahl der Opfer, unter ihnen auch 23 Amerikaner und vier Deutsche, wurde inzwischen auf 298 nach oben korrigiert.

Die Maschine sei in zehn Kilometern Höhe geflogen und nahe der Ortschaft Schachtarsk abgestürzt, berichtete die russische Agentur Interfax. Malaysia Airlines bestätigte den Verlust der Maschine über dem ukrainischen Luftraum. Flug MH17 war auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur.

Die ukrainische Regierung erklärte umgehend, daß die Boden-Luft-Rakete von pro-russischen Separatisten abgefeuert worden sei. Dort wurde prompt dementiert: Man habe gar nicht die Ausrüstung, um einen in zehn Kilometer Höhe fliegenden Jet abzuschießen - das ukrainische Militär sei verantwortlich. Laut ukrainischen Angaben wurde das Flugzeug von einer Luftabwehrrakete des Typs Buk (Buche) getroffen. Sowohl die Ukraine als auch Rußland haben dieses russische Raketensystem im Einsatz.

Entlang der ukrainisch-russischen Grenze kommt es seit Monaten zu Gefechten zwischen dem ukrainischen Militär und bewaffneten Milizen. Rußland und die Ukraine weisen sich gegenseitig die Schuld am Blutvergießen zu. Zuletzt wurde ein ukrainischer Militärjet abgeschossen. Kiew machte dafür Rußland verantwortlich, das jede Schuld von sich wies. Militärexperten erklärten inzwischen gegenüber der britischen BBC, daß sich mit US-Satelliten feststellen lassen müsse, ob und von wo eine Boden-Luft-Rakete abgefeuert worden ist.

Der Abschuß eines Zivilflugzeugs im russisch-ukrainischen Konflikt würde eine Eskalation mit unabsehbaren Folgen bedeuten. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sprach von einem „Terrorakt“, der frühere Boxweltmeister und heutige Bürgermeister von Kiew, Witali Klitschko, meinte gegenüber der „Bild“-Zeitung, nun müsse die internationale Gemeinschaft „endgültig verstehen, daß es sich hier um einen Krieg handelt und Rußland mit hochmodernen Waffen und ausgebildeten Kämpfern in diesen Krieg eingreift“.

Auch aus den USA kamen umgehend eindeutige Reaktionen. Die „New York Times“-Journalistin Ashley Parker zitierte auf Twitter bereits eine halbe Stunde nach dem Absturz US-Senator John McCain mit den Worten, daß, wenn das Flugzeug tatsächlich abgeschossen worden sei, dann „ist das natürlich ein Wendepunkt und hat schreckliche Konsequenzen". Der russische Präsident Wladimir Putin wiederum stellte am späten Donnerstagabend fest, die schreckliche Tragödie wäre nicht passiert, wenn es in der Ostukraine keinen Krieg gebe.

Sowohl die europäischen als auch die US-Börsen reagierten mit einem deutlichen Abwärtsknick auf die Nachricht von dem Unglück. Mehrere Fluglinien erklärten unmittelbar nach dem Vorfall, man werde den ukrainischen Luftraum künftig meiden. Der Luftraum über der Ukraine war seit Beginn des Konflikts nicht gesperrt gewesen, erst am späten Donnerstagabend erklärte die europäische Luftfahrtaufsicht die Ostukraine für gesperrt.

Am Donnerstagabend meldeten die prorussischen Separatisten, sie seien im Besitz der Blackbox des Flugzeugs, die alle Flugdaten aufzeichnet. Die ukrainischen Behörden sprachen währenddessen über erste konkrete Hinweise auf die Schuld der Rebellen. Eine Milizengruppe soll sich mit dem vermeintlichen Abschuß einer Transportmaschine gebrüstet haben, entsprechende Internetpostings aber nach dem Bekanntwerden des Unglücks gelöscht haben. Zudem will der ukrainische Geheimdienst Telefonate mit Vertretern Rußlands abgehört haben, die die Schuld der Rebellen beweisen sollen.

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