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Kommt der Kurdenstaat?

Der Dschihadisten-Vormarsch im Irak bedroht auch die Türkei

Freitag, 27 Juni 2014 08:30 geschrieben von  Jens Hastreiter
Kurdische Flagge Kurdische Flagge Quelle: wikimedia.org

Berlin - Der frühere irakische Diktator Saddam Hussein prophezeite im Anblick des Galgens, nach ihm komme die „Hölle“. Seine Prophezeiung scheint sich in diesen Wochen zu bewahrheiten. Der Vormarsch der dschihadistischen Terrorgruppe ISIS geht nicht nur mit äußerster Brutalität einher, sondern droht auch das ohnehin zerbrechliche staatliche Gefüge des Irak endgültig aus den Angeln zu heben.

Der Vormarsch der radikal-sunnitischen ISIS-Banden wirkt auf den ohnehin von Krieg und Auszehrung geschüttelten Irak wie ein Katalysator des Zerfalls. Sowohl die schiitische wie auch die kurdische Bevölkerungsgruppe im Land sehen sich durch den ISIS-Terror aufs äußerste bedroht und wollen lieber eigene Wege gehen, als sich einer mittelalterlichen Koran-Diktatur der ISIS-Fundamentalisten zu unterwerfen. In der nordirakischen Stadt Mossul war eine der ersten Maßnahmen der ISIS-Eroberer die Verhängung eines strengen Koran-Regiments, das Frauen grundsätzlich den Ausgang verbietet und die Ganzkörper-Verschleierung vorschreibt.

Auch die Kurden sehen sich in ihren Ambitionen bekräftigt, einen eigenen Staat zu gründen. Sie streben nach der völligen Unabhängigkeit von Bagdad. Dies wiederum ist auch für die benachbarte Türkei brandgefährlich, denn die Kurden in der Türkei könnten den Ehrgeiz entwickeln, sich dem neuen Staat anzuschließen. Die Spaltung des Landes wäre die Folge.

Der türkische Staatschef Erdogan ist nicht zu beneiden. Während er sich in diesen Wochen – sozusagen im Wahlkampfmodus – seinen Landsleuten in- und außerhalb der Türkei als Erbe der Osmanen-Sultane präsentiert, könnte er im Inneren schon bald erhebliche Probleme mit der Einheit seines Landes bekommen. Um den Kurden in der Türkei keinen Anlass zur Unruhe zu geben, ist er deshalb demonstrativ um gute Beziehungen zur Autonomen Region Kurdistans (KRG) bemüht. Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der Türkei und dem Nordirak sollen möglichst eng sein. So möchte Ankara verhindern, dass die Kurden Alleingänge starten, die auch die staatliche Integrität der Türkei rasch in Frage stellen könnten.

Auch der US-Geheimdienst National Intelligence Council (NIC) warnt in seinem Bericht „Global Trends 2030“ vor einem erstarkenden und autonomen Kurdenstaat im Irak. Dieser wird grundsätzlich nicht abgelehnt. Doch ein zu starker Kurdenstaat würde zwangsläufig territoriale Ansprüche an die Türkei stellen. In diesem Zusammenhang wird die Spaltung des Landes, das nach wie vor als Südostpfeiler der NATO fungiert und eine wichtige Brückenfunktion erfüllt, als eines der sechs bedrohlichsten Szenarien für die kommenden Jahrzehnte genannt.

„Das ist das schlimmste Szenario für den Nahen Osten. Wir müssen alles daran setzen, dass jenes Szenario nicht eintritt“, zitiert die türkische Zeitung „Hürriyet“ den US-Analysten Matthew Burrows. Burrows zeichnet maßgeblich für den NIC-Bericht verantwortlich.

Allerdings gibt es in den USA auch andere Stimmen. Der ehemalige US-Oberleutnant Ralph Peters veröffentlichte bereits 2006 im „Armed Forces Journal“ eine neue Landkarte für den Nahen Osten. Peters zufolge wird im Nahen Osten ein unabhängiger Kurdenstaat entstehen, der auch einen Großteil der Südost-Türkei umfassen wird. Zwischen den Kurden im Nordirak und der Türkei bestehen traditionell enge kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen, die sich vor dem Hintergrund der Dauerkrise in der Region noch intensivieren dürften. Im Nahen Osten stehen spannende Zeiten bevor.

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