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Geschichte der neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland

DERFFLINGER | Ein Gespräch mit dem Historiker und Publizisten Sebastian Maaß

Donnerstag, 11 Dezember 2014 14:23 geschrieben von  Johann W. Petersen
Der Historiker Sebastian Maaß erklärt die Geschichte der neuen Rechten Der Historiker Sebastian Maaß erklärt die Geschichte der neuen Rechten Quelle: Derfflinger.de

Magdeburg - Mit seinem Buch „Die Geschichte der neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland“ hat der junge Historiker Sebastian Maaß erstmals eine umfassende Studie zu einer Ideenströmung vorgelegt, über die in den letzten Jahren viel diskutiert wurde. Handelt es sich bei der „Neuen Rechten“ tatsächlich um eine Gefahr für die Demokratie, wie Politologen vielfach gewarnt haben? Gibt es überhaupt einen nennenswerten Einfluss der „Neuen Rechten“ auf das politische Geschehen? Und wie verlaufen die Fronten innerhalb dieser intellektuellen Richtung? DERFFLINGER hat Sebastian Maaß dazu befragt.

Derfflinger: Herr Maaß, vor kurzem ist die erste umfassende Abhandlung über die Geschichte der sogenannten „Neuen Rechten“ in Deutschland aus Ihrer Feder erschienen. Was genau versteht man unter der „Neuen Rechten“?

Maaß: Als Neue Rechte verstehe ich eine intellektuelle Ideenströmung, die, auf dem Boden der Rechtstaatlichkeit stehend, versucht, radikale Reformen im politischen und im gesellschaftlichen Bereich voranzutreiben. Egalitarismus, Genderbestrebungen und die Zurückdrängung der nationalen Souveränität werden abgelehnt. Im Prinzip sollen die „Errungenschaften“ der 68er-Bewegung revidiert werden. Allerdings nicht in dem Sinne, dass die Zeit des Nationalsozialismus als Leitbild dienen würde, wie man es hin und wieder bei der „alten“ Rechten beobachten kann. Ganz im Gegenteil: Antitotalitarismus und Rechtstaatlichkeit sind leitende Motive bei dem angestrebten Neubau des Staatswesens.

Derfflinger: Gibt es denn eine solche „alte Rechte“ überhaupt noch – oder war sie ein Phänomen der fünfziger, sechziger Jahre? Der NPD wird im anstehenden Verbotsverfahren ja von der Gegenseite eine Nähe zur NS-Ideologie vorgeworfen. Die „Neue Rechte“ geht deswegen auf Distanz zur NPD.

Maaß: Der Hauptkurs der NPD ist, soweit ich es übersehen kann, „national-demokratisch“, wenn man sich Leute wie Arne Schimmer, Frank Franz und Jürgen Gansel anschaut. Man wird aber in keiner Organisation verhindern können, dass auch NS-Nostalgiker Präsenz zeigen. Das gilt nicht nur für die NPD, sondern auch für eine etablierte Partei wie die CDU, an deren Basis-Stammtischen durchaus auch Parolen zu hören sind, die nicht unbedingt mit dem Grundgesetz vereinbar sind. Tatsächlich altrechte Strömungen sind heute auf Einzelpersonen und Kleingruppen begrenzt. Das geht ja auch gar nicht anders, weil der Volksverhetzungsparagraph recht rigide zugreift, sobald solche Leute öffentlich in Erscheinung treten.

Derfflinger: Auch bei der „Neuen Rechten“ scheint es Abstufungen der „Radikalisierung“ zu geben. Sie unterscheiden in Ihrem Buch jedenfalls zwischen einem „bürgerlichen“ und einem „nationalen“ Flügel. Was unterscheidet diese beiden Flügel?

Maaß: Beide Flügel sind recht gut miteinander vernetzt und haben auch viele Schnittpunkte. Allerdings unterscheidet sich die Herangehensweise an die angestrebte Umgestaltung des BRD-Status-Quo doch erheblich. Der nationale Flügel, wie er durch Hans-Dietrich Sander, Günter Maschke, Thor von Waldstein und Björn Clemens repräsentiert wird, ist bereit, das Grundgesetz zu opfern. Man strebt also einen tatsächlichen Schnitt an. Der bürgerliche Flügel, mit Köpfen wie Karlheinz Weißmann, Erik Lehnert und Dieter Stein, hingegen glaubt daran, dass nationale Umwälzungen noch auf Grundlage des Grundgesetztes verwirklicht werden könnten.

Derfflinger: Sie nannten gerade bestimmte Personen in einem Atemzug. Nun gibt es im neurechten Milieu eine mittlerweile öffentlich ausgetragene Fehde zwischen der „Jungen Freiheit“ auf der einen und dem Institut für Staatspolitik (IfS) bzw. der Zeitschrift „Sezession“ auf der anderen Seite. Ist das auch eine ideologische Auseinandersetzung?

Maaß: Die Auseinandersetzung zwischen diesen Personen ist äußerst vielschichtig, und die tatsächlichen Begebenheiten werden sich erst dann abschließend klären lassen, wenn nach dem Ableben der Personen Historiker Zugriff auf die internen Schriftwechsel und sonstige Dokumente erhalten. Einige Dinge lassen sich aber bereits jetzt nachvollziehen: Schon seit mehreren Jahren gab es immer wieder Reibungspunkte zwischen dem Antaios-IfS-Komplex und der „Jungen Freiheit“. Eine von vielen Ursachen hierfür könnte die Rolle von Götz Kubitschek gewesen sein, der stets darum bemüht ist, innerhalb der Szene den Ton anzugeben.  Eine Persönlichkeit wie Stein lässt sich so etwas freilich auf Dauer nicht gefallen. Ebenfalls eine Rolle gespielt haben könnte die mangelnde Distanz Kubitscheks gegenüber Strukturen, die im öffentlichen Sprachgebrauch als „rechtsextrem“ bezeichnet werden. Beispielsweise gab er der „Deutschen Stimme“ ein Interview. Ein derartiges Gespräch wäre für Stein undenkbar, und hier spielt durchaus seine persönliche „ideologische“ Überzeugung eine Rolle. Stein, der grundlegende Reformen der BRD befürwortet, ist er fest im demokratischen konservativen Milieu verankert, und in seinem Fall ist diese „Verankerung“ tatsächlich nicht strategischer Natur, sondern Teil seiner Weltanschauung. Ganz anders sieht es bei Kubitschek aus, der zwischen dem radikalen und konservativen Lager hin- und hergerissen ist. Emotional dürften seine Präferenzen bei den radikaleren Kräften angesiedelt sein. Gleichzeitig ist er aber noch eng mit dem Institut für Staatspolitik verknüpft, das ökonomisch am Tropf der Konservativen hängt. Der neuerliche Austritt von Karlheinz Weißmann aus dem IfS sollte aber dazu beitragen, die Fronten zu klären.

Derfflinger: Wie ist denn der Austritt von Weißmann aus dem IfS zu deuten?

Maaß: Das kann ohne Einsicht in Primärquellen nicht abschließend geklärt werden. Ich selbst bin in meinem Buch über die „Geschichte der Neuen Rechten“  zu der Interpretation gelangt, dass die Erfolge der „Alternative für Deutschland“ (AfD) damit in Zusammenhang stehen könnten. Sollte sich der Siegeszug dieser Partei fortsetzen, würde auch die „Junge Freiheit“, die ja schon seit geraumer Zeit für die AfD trommelt, immens davon profitieren. Für Weißmann könnte es in diesem Kontext naheliegend gewesen sein, sich vom Antaios-IfS-Komplex abzunabeln, um einfach mit dabei zu sein. Die „Junge Freiheit“ teilte mir auf eine Anfrage mit, Kubitschek habe beabsichtigt, die FKBF-Bibliothek „zu kapern“ und Steins Einfluss in die „Ecke zu drängen bis es quietscht“, was zu einer Verhärtung der Fronten beigetragen haben soll.  Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, weiß ich persönlich nicht. Die Gegenseite würde den Fall vermutlich anders sehen. Vorfälle wie dieser könnten  aber Weißmann in die bedauerliche Lage versetzt haben, sich nun für eine der beiden Gruppierungen letztendlich entscheiden zu müssen. Dann waren da natürlich noch eine Reihe von weiteren Vorfällen, die zur Entfremdung zwischen Weißmann und Kubitschek breigetragen haben. Beispielsweise sind die polemischen Ausfälle von Martin Lichtmesz auf dem Blog der „Sezession“ Weißmann mindestens einmal äußerst übel aufgestoßen. Es ist durchaus möglich, dass Weißmann eine Entsorgung von Lichtmesz, der eher dem nationalen als dem bürgerlichen Flügel der Neuen Rechten zuzuordnen ist,  erwartete. Der einzige der dazu in der Lage gewesen wäre – Kubitschek –, hat aber bis zum heutigen Tage nicht gehandelt. Dieser ist an seinem eigenen Anspruch, die Szene über beide Flügen hinweg zusammenzuhalten, gescheitert. Immerhin dominiert er weiterhin das Institut für Staatspolitik, das mit Erik Lehnert einen Mann aufzuweisen hat, der immer noch in der Lage ist, konservative Kräfte zur Mitarbeit zu bewegen. Die Luft dürfte aber hier auch immer dünner werden, weil viele Sympathisanten Weißmann folgen werden.

Derfflinger: Welche Frage spielt die Religion im heutigen neurechten Milieu? Vordenker Armin Mohler, dem Sie in Ihrem Buch ein ganzes Kapitel widmen, stand dem Christentum ablehnend gegenüber, für viele seiner Anhänger, darunter auch sein Biograf Karlheinz Weißmann, ist die christlich-abendländische Tradition ein elementarer Bezugspunkt. Andererseits hat sich ein Alain de Benoist – wie heute noch das „Thule Seminar“ um Pierre Krebs – in vielen seiner Bücher auf das heidnische Erbe Europas bezogen, während ein anderer früherer Kopf der „heidnischen“ französischen „Nouvelle Droite“, nämlich Guillaume Faye, mittlerweile nicht nur für eine Allianz mit katholisch-traditionalistischen, sondern sogar jüdischen Kreisen eintritt, weil der Islam der heutige „Hauptfeind“ sei.

Maaß: Ich glaube, dass Religion heute innerhalb der Neuen Rechten eine nachgeordnete Rolle spielt. Weißmann ist in der Tat christlich-abendländisch orientiert. Das hielt ihn aber nicht davon ab, in dem Heiden Mohler seinen Lehrer zu finden. Man hat es hier also nicht mit unversöhnlichen Lagern zu tun, sondern eher mit persönlichen Vorlieben der einzelnen Akteure, die dann natürlich auch in das weltanschauliche Schrifttum integriert werden. Mit dem Islam tritt freilich eine Weltreligion immer stärker in Erscheinung, die für den überwiegenden Teil der Neuen Rechten als Bedrohung erscheint. Dies könnte mittel- und langfristig dazu führen, dass die eigene religiöse Identität stärker reflektiert wird.

Derfflinger: Von Parteipolitik hat sich die „Neue Rechte“ stets weitgehend ferngehalten. Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) sehen manche aus dem neurechten Milieu nun allerdings als Chance an, um ihre Positionen auf die politische Bühne zu heben. Der Historiker Stefan Scheil engagiert sich in der AfD, auch bei dem Thüringer AfD-Landes- und Fraktionschef Björn Höcke vermutet man eine Nähe zur „Neuen Rechten“. Die „Junge Freiheit“ wirbt offensiv für die neue Partei. Würden Sie die AfD oder zumindest Teile von ihr zur „Neuen Rechten“ zählen?

Maaß: Stefan Scheil hat zwar im Umkreis der Neuen Rechten publiziert, meiner Meinung nach ist er aber selbst nicht Teil einer Neuen Rechten. Zumindest sind mir von ihm keine politisch-weltanschaulichen Aussagen bekannt, sondern nur historische Fachpublikationen. Bei einer so großen Partei wie der AfD wird es immer Einzelpersönlichkeiten geben, die sich an neurechtem Schriftgut orientieren und darüber hinaus versuchen, diese Weltsicht in Realpolitik umzumünzen. Man wird sehen müssen, ob daraus ein parteiinternes Massenphänomen wird oder nicht. Grundsätzlich sollte man aber strikt zwischen der eigentlichen „Neuen Rechten“ und national orientierten Großparteien unterscheiden. Der intellektuelle Tiefgang, der von der Neuen Rechten geleistet wird, wird niemals auf eine politische Partei übertragen werden können. In den Wahlkämpfen der westlichen Massendemokratien zählen ja ganz andere Qualitäten. Wenn beispielsweise ein Politiker bei „Big Brother“ oder dem „Dschungelcamp“ in Erscheinung tritt, sind ihm die öffentliche Aufmerksamkeit und unter Umständen auch die Wählerstimmen gewiss. Die Auseinandersetzung mit  Ernst Jünger, Armin Mohler, Hans-Dietrich Sander, Günter Maschke usw. hingegen wird entweder ignoriert werden oder im „Nazivorwurf“ enden, was nicht selten das Karriereende bedeuten kann.

Derfflinger: Und wie sieht es bei anderen politischen Gruppierungen, beispielsweise den „Identitären“ aus? Hat hier die „Neue Rechte“ einen Resonanzboden gefunden?

MaaßMir ist bekannt, dass die Identitären mit der Neuen Rechten vernetzt sind. Auf dem sogenannten „Zwischentag“ haben sie immerhin einen Messestand unterhalten. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass für einzelne Anhänger dieser Bewegung die Literatur der Neuen Rechten eine gewisse Rolle spielt. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass hier intellektuelle Reflexion eher eine untergeordnete Rolle spielt. Viel entscheidender ist offensichtlich der „Event-Charakter“ bei den kreativen Aktionen dieser doch recht jungen Erscheinung.

Derfflinger: Als vorläufiges Fazit lässt sich wohl ziehen, dass die „Neue Rechte“ ihrem erklärten Anspruch, den politischen Diskurs nach rechts zu verschieben, nie wirklich gerecht werden konnte. Dennoch zeigen Sie sich zuversichtlich, wenn Sie in ihrem Buch schreiben: „Obwohl die Neue Rechte im gesellschaftlichen Kontext eine marginale Erscheinung ist, sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um eine vitale, im regen intellektuellen Austausch befindliche Gruppe handelt, die sicherlich zahlenmäßig wachsen und an Einfluss gewinnen könnte.“ Worin liegt Ihr Optimismus begründet?

Maaß: Von „Optimismus“ zu sprechen, wäre an dieser Stelle etwas übertrieben. Freilich haben Köpfe wie Hans-Dietrich Sander und Günter Maschke, die ich dem nationalen Flügel der Neuen Rechten zuordne, weltanschauliche Meilensteine gesetzt. Wenn die Wirtschaft der BRD im Zuge einer verfehlten Europapolitik ins Stocken gerät und der Islam weiterhin an Einfluss gewinnt, könnten diese Ideen tatsächlich eine gewisse Renaissance erfahren. Weniger Potential hat da der zeitgenössische „bürgerliche Flügel“ der Neuen Rechten, wie er vom Institut für Staatspolitik und der „Jungen Freiheit“ repräsentiert wird. Hier findet zwar eine rege Netzwerktätigkeit statt, allerdings fürchtet man sich vor jeglichem radikalen Denken, ohne das tatsächliche Veränderungen in Politik und Gesellschaft aber kaum möglich sind. Eine panische Angst, den Anschluss an konservative (finanzkräftige) Kreise verlieren zu können, treibt die bürgerliche Neue Rechte an. Mit Abgrenzungen von vermeintlich rechteren Gruppen versucht man sich krampfhaft zu profilieren. Letztendlich läuft man aber mit dieser Strategie Gefahr, von den Konservativen, die schon seit Jahrzehnten die Fähigkeit verloren haben, reformerisch tätig zu werden, absorbiert zu werden. Und was dann passieren könnte, lässt sich ja jetzt bereits bei der bereits erwähnten AfD beobachten. In dieser Partei frisst die Revolution nämlich mit zunehmenden Wahlerfolgen bereits ihre Kinder, wenn man sich die ganzen Parteiausschlussverfahren gegen rechte Mitglieder vor Augen hält.

Derfflinger: Herr Maaß, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview für „Derfflinger“ führte Johann W. Petersen

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