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Krisenland Griechenland:

Deutet Athens Politik auf Grexit-Planungen hin?

Freitag, 12 Juni 2015 15:22 geschrieben von  Rüdiger Dietrich

Griechenland – Eine „neverending story“ oder das Ende des Euro in Griechenland? Die längste Krisenverhandlung der Welt zerrt chronisch an den Nerven nicht allein der Finanzmärkte. Daran änderte auch die Nachtsitzung von Merkel und Hollande mit Tsipras nichts. Seit nunmehr vier Monaten verhandeln die jetzt nur noch Institutionen und vormals Troika genannten EU, IWF und EZB mit Griechenland, weshalb die Beteuerungen, daß jeder Tag zähle spürbar abstumpfen. Am Monatsende läuft das Hilfsprogramm für Griechenland aus und weitere Hilfskredite sollen ohne Reformzusagen nicht gewährt werden, - so zumindest der Tenor bislang. Darüber hinaus sind Kreditrückzahlungen an den IWF fällig, die sich auf 1,55 Mrd. € belaufen, wovon Athen die erste Rate bereits verschieben mußte. Die Öffentlichkeit wartet teils gespannt, teils resigniert darauf, ob es zu einem Kompromiß kommt, der diesen Namen womöglich nicht mehr verdient, oder der sogenannte Grexit erfolgt.

Die Vorstellungen, was zu wünschen sei, sind im Wesentlichen zwischen Europa und Übersee völlig konträr. Während sich innerhalb europäischer Ökonomen, nicht zwingend der Politiker, überwiegend die Ansicht durchgesetzt hat, keine Einigung nur um der Einigung willen anzustreben, sondern ggf. einen Grexit in Kauf zu nehmen, plädieren die amerikanischen Ökonomen mehrheitlich für einen Verbleib Griechenlands im Euroraum. Der Verlauf der neuzeitlichen griechischen Tragödie offenbart rückblickend, daß die Frage einer falschen Entscheidung, ob Griechenland im Euroverbund verbleiben solle nicht neu ist, da vielmehr diese falsche Entscheidung schon vor Jahren getroffen wurde, was sich heute lediglich bestätigt. Nach den krisenverursachenden ökonomischen Fehlkonstruktionen, tritt auch immer deutlicher zutage, daß das politische Krisenmanagement ebenso völlig fehlschlug. Nun ist nahezu unstrittig, daß es nicht mehr darum geht, Schaden abzuwenden, sondern nur noch darum, festzustellen mit welchem weiteren Verfahren der geringere Schaden zu verbuchen ist. Zu Bedenken ist dabei, ob nicht selbst im Falle eines für die übrigen Mitglieder der Eurozone erneut kostspieligen faulen Kompromisses mit Athen ein Grexit, nur zu einem etwas späterem Zeitpunkt, womöglich dennoch nicht zu verhindern ist. Auf dieses mögliche Szenario wies neben Prof. Hans Werner Sinn vom Ifo-Institut auch der Chefvolkswirt der DZ Bank Stefan Bielmeier hin.

Laut Sinns Berechnungen beläuft sich die Größenordnung der öffentlichen Kredite für Griechenland auf 325 Mrd. € zum Stand März 2015, wovon etwa ein Drittel der vollzogenen Kapitalflucht wieder aus Griechenland hinaus zuzurechnen ist. Die ELA-Notkredite, welche die EZB in jüngster Zeit gewährt und stetig im Volumen ausweitete, tragen wesentlich dazu bei, die kritisierte Kapitalflucht erst zu ermöglichen. Inzwischen hat die EZB das Volumen dieser Notkredite auf 83 Mrd. € angehoben, obwohl ursprünglich „nur“ etwa 58 Mrd. € geplant gewesen waren. Prof. Sinn machte darauf aufmerksam, daß hinter der Verweigerung Kapitalverkehrskontrollen einzuführen bewußtes griechisches Kalkül mit Blick auf einen insgeheim geplanten Grexit stecken könnte. Denn immerhin seien inzwischen um die 142 Mrd. € griechisches Vermögen in Euro im Ausland angehäuft, über die man immer noch verfügen könnte, auch wenn eine eigene Nationalwährung zur Abwertung eingeführt würde. - Wie dem auch sei, beschleicht einem zunehmend das Gefühl, daß es wenigstens nicht mehr allzu lange dauern wird, bis zumindest Klarheit darüber herrscht, welche der Prognosen zutreffend war…

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