www.derfflinger.de

Freigegeben in Politik

Energiepolitische Risiken

Deutschland müsste russischen Gasboykott fürchten

Montag, 20 Oktober 2014 03:27 geschrieben von  Torsten Müller
Gaspipeline in Russland. Gaspipeline in Russland. Foto: Presse

Berlin - Trotz des außenpolitisches Muskelspiels, das sich die deutsche Bundesregierung seit Monaten gegenüber Russland leistet, hat es nicht nur die deutsche Wirtschaft hart getroffen, dass man im Auftrag der USA Sanktionen gegen Russland verhängte, sondern birgt auch enorme energiepolitische Risiken in sich.

Am Donnerstag hat die EU-Kommission die Ergebnisse eines Stresstests vorgelegt, mit dem mehrere Varianten eines Gasstreits mit Russland simuliert wurden. Der Studie zufolge wären bei einem russischen Gasboykott vor allem Bulgarien, Finnland und Estland betroffen. Auch in Rumänien und den übrigen baltischen Ländern würde fast die Hälfte des Energiebedarfs fehlen.

Noch gar nicht einbezogen wurde der Fall, dass die Ukraine, durch die die Hauptpipeline führt, Gas für sich abzweigt, statt es in den Westen weiterzuleiten.

Und auch so gibt der Stresstest nur einen Bruchteil dessen wieder, was Experten befürchten. So hat ein internes Regierungspapier, das eine Risikoanalyse unter Federführung des Energiestaatssekretärs Rainer Baake darstellt, konkret beziffert, wie abhängig Deutschland von russischen Gaslieferungen derzeit ist. In der Analyse wird auch der Fall durchgespielt, dass Russland seine Gaslieferungen von September bis Februar einstellt.

Die Studie belegt, dass Deutschland 23 Milliarden Kubikmeter des Gesamtverbrauchs von 51,2 Milliarden Kubikmeter fehlen würden. Nur ein kleiner Teil könnte anderweitig kompensiert werden. Und das, obwohl die Speicher in Deutschland derzeit randvoll sind. Nicht einmal sechs Milliarden Kubikmeter Gas könnten kompensiert werden, wenn man beispielsweise auf Flüssiggas zurückgreift, die Importe aus Norwegen erhöht oder andere Gas-Verträge unterbricht. Letzteres würde weiteren wirtschaftlichen Schaden anrichten.

Die logische Folge eines russischen Gasboykotts wäre also der so genannte Energienotfall, bei dem die Bundesnetzagentur autoritativ festlegen müsste, wer noch Gas bekommt und wer nicht. Der Gaspreis würde für alle steigen, die Industrie würde leer ausgehen, was wiederum Produktionsausfälle und wirtschaftliche Schäden in unmessbarem Ausmaß mit sich bringen würde. Auch wäre nicht gesichert, dass alle Privathaushalte weiterhin mit Gas versorgt werden könnten. Das, was der scheidende EU-Energie-Kommissar Günther Oettinger erst kürzlich ausschloss, dass Verbraucher frieren müssen, würde möglicherweise Realität werden.

Die Bundesregierung spielt mit der wirtschaftlichen Zukunft Deutschlands und der Gesundheit deutscher Bürger, nur um gegenüber Wladimir Putin vermeintlich Stärke beweisen zu können. Stärke, von der zumindest Putin weiß, dass es keine ist.

Artikel bewerten
(3 Stimmen)