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Ausländische Fachkräfte in Kiew

Drei Minister ausländischer Herkunft in Arsenij Jazenjuks Kabinett

Samstag, 06 Dezember 2014 21:29 geschrieben von  Johann W. Petersen
Arsenij Jazenjuk Arsenij Jazenjuk Quelle: wikipedia.org | Foto: Ybilyk | CC-BY-SA-3.0

Magdeburg - Der ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk scheint in seiner Regierung dringend auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass seinem dieser Tage vorgestellten Kabinett gleich drei Personen angehören, denen kurz vor der Amtseinführung im Eilverfahren erst noch die ukrainische Staatsbürgerschaft verliehen werden musste. Dabei handelt es sich um die Amerikanerin Natalie Jaresko, den Litauer Aivaras Abromavicius und den Georgier Alexander Kwitaschwili, die allesamt Schlüsselressorts in der Regierung übernommen haben.

Die drei Minister mit Migrationshintergrund scheinen geradezu ideal dafür geeignet zu sein, die „radikalen, harten und effektiven Reformen“, die Jazenjuk plant, umzusetzen. Im Wesentlichen geht es dabei um Privatisierungen, neoliberale Wirtschafts- und Steuerreformen, die Senkung von Sozialausgaben, Reformen im Energiesektor, die Dezentralisierung des Staatsapparats sowie den Ausbau des Militärs. Washington und Brüssel erwarten, dass die Ukraine Gegenleistungen für ihre Unterstützung im Konflikt mit Russland und die Einbindung in westliche Strukturen erbringt. Offenbar sollen die drei Minister ausländischer Herkunft dafür sorgen, dass in dieser Hinsicht alles wie am Schnürchen läuft.

Zur neuen Finanzministerin wurde die 1965 in Chicago geborene und dort aufgewachsene US-Staatsbürgerin Natalie Jaresko ernannt. Die schwerreiche Geschäftsfrau, die einer Familie mit jüdisch-ukrainisch Wurzeln entstammt und einen Master-Abschluss in „Public Policy“ der John F. Kennedy School of Government an der Harvard-Universität sowie einen Bachelor in Bilanzführung und Buchhaltung der Chicagoer DePaul-Universität vorweisen kann, war zuvor in verschiedenen Positionen im amerikanischen Außenministerium tätig.

Nur wenige Monate nach der Unabhängigkeit der Ukraine kam sie 1992 nach Kiew und leitete dort die Wirtschaftsabteilung der neu eröffneten amerikanischen Botschaft. 1995 wechselte sie vom diplomatischen Dienst zum Western NIS Enterprise Fund, einem Aktienfonds der US-Regierung, wo sie binnen kürzester Zeit zur Vorstandsvorsitzenden aufstieg. 2004 gründete sie mit Horizon Capital ihren eigenen Investmentfonds. Gemeinsam mit Goldman Sachs organisierte ihre Firma von 2010 bis 2012 das „Ukrainian Investment Forum“, das sich der Privatisierung ukrainischer Unternehmen widmete. Während der so genannten Orangenen Revolution im Jahr 2004 zeigte sich Jaresko als vehemente Unterstützerin des pro-westlichen Lagers. Nach der Machtübernahme Wiktor Juschtschenkos 2005 gehörte sie dann dem für Auslandsinvestitionen zuständigen Beirat des neuen Präsidenten an.

Die Sprecherin des amerikanischen Außenministeriums, Marie Harf, dementierte nach der Amtseinführung Jareskos umgehend, Washington habe bei ihrer Ernennung Einfluss genommen. Wie glaubwürdig das ist, sei dahingestellt. Jaresko selbst erklärte, sie wolle „das Land verändern, die Transparenz erhöhen und Korruption abschaffen“. Als Ministerin steht sie nun vor der Herausforderung, die Ukraine vor dem Staatsbankrott zu retten und Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds zu führen.

Der neue ukrainische Wirtschaftsminister Aivaras Abromavicius ist ein 1976 im litauischen Wilna (Vilnius) geborener Investmentbanker, der seit 2008 in der Ukraine lebt und mit einer Ukrainerin verheiratet ist. Als Teilhaber und Manager der Vermögensverwaltung East Capital ist er auf Geldanlagen in Osteuropa spezialisiert. Die Stockholmer Investmentgesellschaft gehört zu den größten Finanzakteuren in der Ukraine und investierte dort laut Geschäftsbericht 2012 rund 100 Millionen Dollar. Wegen seiner Herkunft sah er öfter antisemitischen Schmähungen ausgesetzt.

Abromavicius, der 1988 mit der litauischen Jugendmannschaft die sowjetische Basketballmeisterschaft gewann, später Wirtschaftswissenschaften an der estnischen Concordia International University und der amerikanischen Concordia University Wisconsin studierte, um dann als erster Nicht-Este eine Führungsposition in der heute zur Swedbank gehörenden Hansabank in Tartu zu übernehmen, sagt über sich selbst, er sei „ukrainischer Patriot“ und fordert „radikale Maßnahmen“ zur Überwindung der Wirtschaftskrise des Landes. Er hofft, dass seine „Bemühungen und seine Erfahrung der Ukraine helfen, ein völlig anderes Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung zu erreichen und Transparenz und Offenheit in die Regierungsarbeit zu tragen“.

Dritter im Bunde der neuen Regierungsmitglieder ausländischer Herkunft ist der gebürtige Georgier Alexander Kwitaschwili, der nun das – als besonders korrupt geltende – ukrainische Gesundheitsministerium leitet. Der 1970 geborene Spross einer jüdischen Familie aus Tiflis übte dieses Amt bereits von 2002 bis 2010 aus, allerdings in seiner Heimat Georgien unter dem damaligen Präsidenten Michail Saakaschwili. Ihm wurden schon zu dieser Zeit exzellente Verbindungen zum US State Department nachgesagt. Kwitaschwili studierte Geschichte an der Staatsuniversität Tiflis und machte 1993 seinen Master in „Public Management“ an der New Yorker Robert F. Wagner Graduate School of Public Service.

Danach arbeitete er kurze Zeit in den USA in der Finanzverwaltung des Atlanta Medical Center, kehrte jedoch schon bald nach Georgien zurück, um sich dort für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen zu engagieren. Später war er in verschiedenen Positionen für US-finanzierte Gesundheitsorganisationen wie die Curatio International Foundation, das East-West Institute in New York und die Transatlantic Partners Against AIDS tätig. Von 2010 bis 2013 amtierte Kwitaschwili als Rektor der Tifliser Universität.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ bemerkte zu der Ernennung von drei Amtsträgern mit ausländischen Wurzeln in Jazenjuks Kabinett: „Offenbar setzt er auf die Minister mit Migrationshintergrund die Hoffnung, dass sie weder populistisch noch im Eigeninteresse handeln.“ Dabei wäre doch die eigentlich entscheidende Frage, ob Jaresko, Abromavicius und Kwitaschwili die Interessen des ukrainischen Volkes vertreten oder als Handlanger Washingtons und der Wall Street agieren.

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