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Studie der Universität Jena

Eine Studie widerlegt das Klischee vom Hartz-IV-Nazi

Dienstag, 04 August 2015 19:04 geschrieben von 
Mensa Ernst-Abbe-Platz Mensa Ernst-Abbe-Platz Quelle: Foto:FSU/Günther

Berlin - Der typische Nazi sei dumm, Hartz-IV-Empfänger, wohne im Plattenbau, trage Glatze und Springerstiefel und habe meist ein Alkoholproblem – dieses Klischee ist längst überholt. Einmal mehr bestätigt dies eine Studie, die die Universität Jena erstellte.

„Nur auf die Arbeitslosigkeit in einer Region zu schauen, ist deutlich zu kurz gegriffen“, erklärte Matthias Quent, einer der Autoren der Studie. Das Forschungsprojekt räumt mit den Vorurteilen gegenüber Rechtsextremen auf. So sei die Kausalitätskette Arbeitslosengeld-II-Empfänger – Plattenbau – Rechtsextremist völlig unrealistisch. Eine nationale Strömung setze sich vor allem in der Mittelschicht immer mehr durch, so die Beobachtung.

Die Soziologen untersuchten für ihre Studie, welche lokalen und regionalen Faktoren den Einfluss rechter Kräfte in Jena, Erfurt, Saalfeld und Kahla stärken oder hemmen. Dabei trat vor allem ein zentraler Faktor hervor, erklärte Quent. Die „politische Kultur“, die in dem Dorf oder der Stadt herrsche. Vor allem in Kommunen, in denen das Geld knapp sei und deshalb nicht in Straßen oder soziale Einrichtungen, wie Kindertagesstätten oder Jugendclubs, investiert werden könne, mache sich eine grundsätzliche Angst unter den Bewohnern breit. Kämen dann noch Asylanten in ihre Kommune, für die plötzlich erhebliche Finanzmittel zur Verfügung stünden, werde diese Angst der Bevölkerung noch gesteigert und die Empfänglichkeit für rechte Kräfte und Parteien steige. Vor allem Menschen aus der Mittelschicht fürchteten einen Wohlstandsverlust und sehen ihre Gemeinde als „abgehängt“ oder „verloren“.

Der gewaltbereite, Parolen brüllende Klischee-Nazi weicht also immer mehr dem normalen, sich sorgenden Bürger, so der Soziologe. Quent betonte jedoch, es gebe keine einfachen, eindimensionalen Erklärungen für extreme rechte Entwicklungen. Stets seien mehrere Faktoren verantwortlich, wenn in bestimmten Regionen rechte Kräfte stärker seien als in anderen. Häufig sei es diesen gelungen, über ihr soziales Engagement die Bevölkerung zu überzeugen, etwa weil sie einen Jugendclub weiterbetreiben, den die Stadt aus finanziellen Gründen aufgeben musste. „Es gibt keine nazifreie Stadt und kein nazifreies Dorf“, erklärte der Soziologe zudem. Es gebe nur Gegenden, wo diese offen auftreten und Gegenden, wo die politische Meinung nur privat gelebt werde. So sei auch die „Stadtflucht“ zu erklären, die man in den Regionen Jena und Kahla beobachten konnte. Da Jena durch ein Überangebot an antinationalen Aktionen aufwartet, hätten sich die Nationalen einfach neue Orte, wie das nahegelegene Kahla gesucht.

Auch aus dem Thüringenmonitor 2014, der im Februar dieses Jahres vorgestellt worden war, ging hervor, dass sich die Zahl der Thüringer mit extremer rechter Einstellung auf dem niedrigsten Wert seit zehn Jahren befindet. Zugleich haben jedoch die Vorbehalte der Mittelschichtbevölkerung gegenüber Ausländern, insbesondere Muslimen, zugenommen. Der Soziologe Heinrich Best erklärte jedoch: „Entwarnung kann nicht gegeben werden. Tatsächlich finden sich Elemente rechtsextremer Ideologien ebenso wie gruppenbezogene Ressentiments in fast allen sozialen und politischen Quartieren.“

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