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Die Dschihadisten-Mafia

Erdöl, Bankraub, Schutzgelderpressung – so finanziert sich die Terrortruppe ISIS

Montag, 28 Juli 2014 10:27 geschrieben von  Jens Hastreiter
ISIS Truppe im Irak ISIS Truppe im Irak Quelle: 4.bp.blogspot.com

Paris - Schon vor Jahren prognostizierte der französische Publizist und ENA-Absolvent Alain Minc für die Zeit nach dem Ende der Blockkonfrontation den Zerfall transnationaler Zusammenschlüsse und die Wiederkehr von „Stammesherzogtümern“ in verschiedenen Teilen der Welt. Die aktuelle Entwicklung im Irak, wo sich seit Monaten die islamistische Terrororganisation ISIS in rasantem Vormarsch befindet, scheint Minc recht zu geben.

Letztlich dreht sich wie immer alles ums Geld. Erstaunlich für internationale Beobachter ist nicht nur das Tempo, mit dem sich die ISIS-Banden immer größere Teile des Irak, Syriens und Kurdistans unterwerfen. Auch die materiellen und finanziellen Ressourcen der ISIS geben der Weltöffentlichkeit Rätsel auf.

So geheimnisvoll sind sie bei näherem Hinsehen allerdings nicht. Der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Joseph III. Younan brachte es dieser Tage als Reaktion auf die Vertreibung der verbliebenen 25.000 Christen aus der nordirakischen Millionenstadt Mossul auf den Punkt: man müsse den ISIS-Truppen die Geldzuflüsse versperren. „Woher beziehen diese Terroristen ihre Waffen? Von den fundamentalistischen Staaten am Golf, stillschweigend gebilligt von den westlichen Staatslenkern, weil sie deren Öl brauchen“, kritisierte der Geistliche.

Tatsächlich ist die massive Unterstützung der ISIS durch die Öl-Scheichtümer am Golf im Westen kein Geheimnis.  Vor allem Kuwait, Katar, die Emirate und Saudi-Arabien machen aus ihrer Förderung salafistischer Stiftungen und Moscheevereine auch in unseren Breiten kein Hehl. Und jetzt finanzieren sie, ebenfalls unter den Augen der Welt, sunnitische Gotteskrieger, damit sie gegen Baschar al Assad in Syrien und Nuri al Maliki im Irak zu Felde ziehen. Im Irak wird damit ganz konkret das ohnehin fragile Befriedungswerk der USA „abgewickelt“ – die letzten US-Truppen haben das Land längst verlassen, jetzt wird es von den ISIS-Banden überrollt.

Es erstaunt, daß man in Washington über diese Hintergründe offenbar in keiner Weise überrascht oder befremdet ist. Nach einer Wikileaks-Quelle urteilte bereits im Jahr 2009 die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton: „Saudi-Arabien bleibt ein entscheidender Geldgeber von Al Qaida, den Taliban und anderen Terrorgruppen“. Nach Schätzungen von Geheimdiensten befinden sich derzeit rund 3000 bis 4000 junge Saudis in Syrien im Kriegseinsatz auf Seiten der Dschihadisten, die meisten in den Reihen der schwarzen ISIS-Kommandos. 2400 Petrodollar soll die „Patenschaft“ für einen Gotteskämpfer kosten, auf Wunsch wird die Spende mit einem Kurzvideo des jungen Mannes in Aktion honoriert.

Mittlerweile wird ISIS aber auch für die schwerreichen Geldgeber am Golf zum unheimlichen Zauberlehrling. Inzwischen kursieren in den Reihen der Gotteskrieger die ersten Aufrufe, auch das korrupte Haus Saud zu stürzen. Und auf die finanzielle Unterstützung der reichen Golf-Scheichtümer ist die Terrortruppe ebenfalls nicht mehr angewiesen – sie verfügt inzwischen über Einnahmequellen, die sich jedem staatlichen Zugriff entziehen: ISIS verkauft Öl aus eroberten Förderregionen in Syrien und Irak, betreibt Kidnapping und Schutzgelderpressung in großem Stil, zwingt ihren neuen Untertanen Sondersteuern ab oder raubt – wie in Mossul – ganz ordinär Banken aus.

Öl-Experten schätzen, daß die ISIS-Verbände mittlerweile eine Million Dollar pro Tag aus dem Verkauf von irakischem Rohöl einnehmen. Kurdische Mittelsmänner kaufen die Lieferungen auf, die in Tanklastwagen durch den halbautonomen Nordirak in die Türkei und in den Iran gebracht werden.

In Syrien haben die Gotteskrieger in den letzten drei Wochen mit Al Omar und Al Schaer die beiden größten Ölfelder unter ihre Kontrolle gebracht, deren Erträge sie nun zu einem Drittel des Weltmarktpreises an irakische Mafia-Clans veräußern (Al-Schaer konnte jüngst allerdings wieder von der syrischen Armee zurückerobert werden). „Die bedrohlichsten Gruppen sind diejenigen, denen es gelingt, ihre Finanzierung von externen auf interne Quellen umzustellen“, urteilt Tom Keatinge, ein ehemaliger J.P.-Morgan-Banker und Experte für Terrorfinanzierung. „Das Geld, über das sie verfügen, entspricht inzwischen dem Militärhaushalt eines kleinen europäischen Landes.“ Auch für Kuwait, Katar und Co. dürfte es damit schwer werden, ISIS jetzt noch den Geldhahn abzudrehen, selbst wenn man es wollte.

Letzte Änderung am Montag, 28 Juli 2014 13:56
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