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Jetzt kommt der „individuelle Dschihad“

Es wird ernst: Bundesinnenminister de Maizière warnt vor terroristischen Einzeltätern

Samstag, 21 Juni 2014 16:05 geschrieben von  Jens Hastreiter
Es wird ernst: Bundesinnenminister de Maizière warnt vor terroristischen Einzeltätern Bildquelle: Laurence Chaperon

Berlin - Der Verfassungsschutz sieht den islamistischen Terror als größte Gefahr für Deutschland. Besondere Sorgen machen den Behörden die etwa 320 deutschen Syrien-Kämpfer, die als Heimkehrer in den Augen der Behörden mittlerweile eine akute Gefahr darstellen.

Deutschland muss nach den Worten von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) mit Anschlägen islamistischer Rückkehrer aus Syrien und dem Irak rechnen. „Aus einer abstrakten Gefahr ist eine konkrete tödliche Gefahr geworden in Europa, mit Deutschland-Bezug", sagte de Maizière jetzt in Berlin bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes 2013.

Das klingt drastischer als die Warnungen, an die sich die Öffentlichkeit seit dem 11. September 2001 inzwischen stillschweigend gewöhnt hat. Im neuen Verfassungsschutzbericht geht es auf mehr als 60 Seiten um den Islamismus und die in seinem Namen begangenen Terroranschläge. Denn: es waren in den zwölfeinhalb Jahren seit den Anschlägen in den USA noch nie so viele wie heute. „Der Anschlag von Brüssel hat uns vor Augen geführt, dass aus der Möglichkeit eines Anschlags durch solche Syrien-Rückkehrer eine tödliche Realität geworden ist”, warnte de Maizière.

Im Gegensatz zu Organisationen gelten mutmaßliche Einzeltäter als unkalkulierbar. De Maizière: „Nach allem, was wir wissen, ist der Anschlag in Brüssel von einem Einzeltäter begangen worden. Das ist komplizierter rauszubekommen, als wenn es von einem Netzwerk ist." Im Verfassungsschutzbericht steht hierzu, der „individuelle Dschihad",  also Terroranschläge von Einzelnen ohne feste Bindung an eine Organisation, gewinne signifikant an Bedeutung.

Nach Expertenmeinung droht dabei die größte Gefahr von fanatisierten Rückkehrern aus Krisengebieten. Islam-Wissenschaftler Thielmann beschreibt dies folgendermaßen: „Wer Leuten schon einmal mit eigener Hand die Kehle durchgeschnitten hat, hat wenig Hemmung, in einem deutschen Hauptbahnhof eine ferngesteuerte Bombe zu zünden."

Auch Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen sieht im islamistischen Terrorismus derzeit die größte Gefahr im Inland. „Deutschland ist nicht weit entfernt vom Terrorismus. Wir sind weiterhin Ziel von Anschlagsplanungen", sagte Maaßen. Auch der Attentäter von Brüssel sei von Syrien aus über mehrere Länder gereist und schließlich in Frankfurt gelandet. Die deutsche Polizei, so Maaßen, habe aufgrund eines Hinweises durch einen ausländischen Geheimdienst am 15. Juni einen Syrien-Kämpfer mit französischer und algerischer Nationalität bei der Einreise festnehmen können.

Als vor einigen Jahren radikale Islamisten vor allem ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet ausgereist seien, hätten die Sicherheitsbehörden die meisten der Verdächtigen vorher gekannt, sagte Maaßen. Doch nun radikalisierten sich junge Leute in Deutschland ohne Kenntnis der Sicherheitsbehörden. „Sie werden angesprochen bei Koran-Verteilaktionen. Ich würde sagen, sie werden angefixt bei Spenden- und Benefizveranstaltungen für Syrien“, erklärte der Geheimdienst-Chef. So habe der Verfassungsschutz in einigen Fällen erst durch die Mitteilung ausländischer Dienste erfahren, dass Deutsche in Syrien umgekommen seien.

Aus Europa seien nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden inzwischen rund 2.000 Islamisten nach Syrien ausgereist - etwa 320 von ihnen aus Deutschland, von denen etwa hundert inzwischen wieder zurückgekommen seien. Bei etwas mehr als einem Dutzend sind sich die Behörden sicher, dass sie tatsächlich gekämpft haben, die meisten davon in den Reihen der Terrororganisation ISIS. Auch jetzt im Irak sollen deutsche „Gotteskrieger" dabei sein. Die Zahl der Islamisten im Inland schätzt der Verfassungsschutz auf gut 43.000. Vor allem salafistische Gruppierungen erhielten weiter Zulauf, wobei sie von einem Mobilisierungseffekt durch den Konflikt in Syrien profitieren.

Besonders besorgniserregend: Auch der Bundesinnenminister muss einräumen, dass die Sicherheitsbehörden inzwischen den Überblick über potentielle islamistische Täter verloren haben. Das allerdings wundert nicht – das Hauptaugenmerk der Verfassungsschützer lag allzu lange auf dem „Rechtsextremismus“. Da reichten die Kapazitäten für den Islam-Terror offenbar schlicht und einfach nicht mehr aus.

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