www.derfflinger.de

Freigegeben in Politik

Wenn die regelmäßige Mahlzeit zum Problem wird

EU-Armutsbericht: Immer mehr Deutsche müssen den Gürtel enger schnallen

Freitag, 30 Mai 2014 20:15 geschrieben von  Jens Hastreiter
EU-Armutsbericht: Immer mehr Deutsche müssen den Gürtel enger schnallen Bild: wobigrafie / pixelio.de

Brüssel - Unmittelbar nach der EU-Wahl am 25. Mai wurden Zahlen aus dem Armutsbericht der EU bekannt. Demnach kann sich inzwischen jeder zwölfte Deutsche keine regelmäßigen Mahlzeiten mehr leisten.

Ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland (33,4 Prozent) kann sich unerwartete Ausgaben für Anschaffungen oder Reparaturen nicht mehr leisten. Dabei setzt das Statistische Bundesamt einen Wert von 940 Euro an. Mehr als jeder Fünfte (22 Prozent) verzichtet aus finanziellen Gründen auf Urlaubsreisen.

Die Statistiker werteten Daten aus dem Jahr 2012 aus. Dabei schnitt Deutschland im EU-Vergleich noch gut ab, denn die Werte für alle EU-Länder sind noch höher, selbst regelmäßige Mahlzeiten sind ein Problem.

Mehr als 40 Prozent der Menschen innerhalb der Europäischen Union konnten höhere unerwartete Anschaffungen oder Reparaturen nicht aus eigenen Mitteln bezahlen, und mehr als jedem Dritten (39,6 Prozent) fehlte das Geld für eine Urlaubsreise.

Die Ergebnisse stammen aus einer EU-weit durchgeführten Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC), die das Statistische Bundesamt am 27. Mai vorstellte. Die Untersuchung ergab, dass sich viele Menschen mittlerweile auch beim Essen einschränken müssen. In Deutschland war es im Jahr 2012 8,2 Prozent der Bevölkerung aus finanziellen Gründen nicht möglich, mindestens jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Geflügel oder Fisch beziehungsweise eine entsprechende vegetarische Mahlzeit zu sich zu nehmen. Der EU-Durchschnittswert lag bei 11 Prozent.

Die armutsgefährdete Bevölkerung wurde gesondert betrachtet. Die Ergebnisse waren dramatisch. Fast drei Viertel (73,2 Prozent) der Armutsgefährdeten in Deutschland konnten unerwartet auftretende Ausgaben finanziell nicht aus eigener Kraft bewältigen, EU-weit waren es nur 71,7 Prozent. Mehr als die Hälfte (57,6 Prozent) dieser Menschen konnte sich keine einwöchige Urlaubsreise leisten. Hier lag der EU-Wert höher, nämlich 70,4 Prozent. Der Prozentsatz der Armutsgefährdeten, die aus finanziellen Gründen häufiger auf vollwertige Mahlzeiten verzichten mussten, lag sowohl in Deutschland als auch EU-weit bei 25 Prozent.

Der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafel, Jochen Brühl, sagte kürzlich in Berlin, dass Armut und Armutsbedrohung weiter in der Gesellschaft verbreitet seien, als die Bundesregierung in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht vermittle. Neben Hartz-IV-Empfängern kämen zunehmend auch Menschen, die Arbeit haben: Alleinerziehende und ihre Kinder, prekär Beschäftigte und Teilzeitkräfte. „Altersarmut ist damit vorprogrammiert“, sagte Brühl.

Bundesweit gibt es aktuell 919 Tafeln in Städten und Gemeinden. Sie versorgen den Angaben nach regelmäßig 1,5 Millionen bedürftige Menschen mit gespendeten Lebensmitteln und anderen lebensnotwendigen Konsumgütern. 2013 seien zehn neue Tafeln gegründet worden, so Brühl.

Eine Person gilt nach der EU-Definition als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. In der Berechnung sind staatliche Sozialleistungen enthalten, Steuern und Sozialabgaben abgezogen. 2011 lag der Schwellenwert für eine allein lebende Person in Deutschland bei 980 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2 058 Euro im Monat. Sowohl in Deutschland als auch in der ganzen EU waren 2011 rund 17 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Das entsprach 13 Millionen Menschen in Deutschland und 85 Millionen Menschen in der gesamten Europäischen Union.

Artikel bewerten
(10 Stimmen)
Schlagwörter: