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Hermann Gröhe gibt Druck der EU nach

EU für rezeptfreie "Pille danach"

Mittwoch, 26 November 2014 18:06 geschrieben von  Susanne Hagel

Berlin - Nachdem sich die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) dafür ausgesprochen hat, die "Pille danach" mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat aus der Verschreibungspflicht zu entlassen, will die EU-Kommission die Notfallverhütungspille "ellaOne" aus der Verschreibungspflicht entlassen. Bisher hatte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) darauf bestanden, dass Frauen in Deutschland die Pille nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr nur auf Rezept und nach einer Beratung durch einen Arzt erhalten sollten.

Voraussichtlich Ende Januar 2015 sei mit dem endgültigen Beschluss der EU-Kommission zu rechnen, heißt es. Da diese in aller Regel aber den Empfehlungen der EMA folgt, sei davon auszugehen, dass "ellaOne" bald in Apotheken rezeptfrei zu erhalten sein wird. Aufgrund der zentralen EU-Zulassung der "Pille danach" mit Ulipristal, wäre ein solcher Beschluss für alle EU-Mitgliedsstaaten grundsätzlich bindend. Die deutsche Regierung, vor allem die CDU, die den stärkeren Partner der Regierungskoalition stellt, ist erklärtermaßen gegen eine Entlassung der "Pille danach" aus der Verschreibungspflicht. Angesichts der Ankündigung aus Brüssel lenkt Gröhe nun jedoch ein und erklärte, man werde die Empfehlungen des EU-Arzneimittelausschusses genau prüfen. Sollte die Beratung aufgrund der Brüsseler Entscheidung künftig nicht mehr zwingend durch einen Arzt vorgenommen werden müssen, dann sei "eine intensive Beratung auch in den Apotheken der richtige Weg". Dann müsse es Ziel sein, gemeinsam mit Frauenärzten, Apotheken und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Kriterien für eine qualitativ hochwertige Beratung in den Apotheken zu entwickeln, so Gröhe. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU, Jens Spahn, zeigte sich enttäuscht über die Entscheidung der Zulassungsbehörde. "Es ist schade, dass unsere Argumente in Brüssel anscheinend nicht gehört werden. Aber wir wollen in jedem Fall ein hohes Niveau der Beratung bei der Pille danach sicherstellen." Als Vorbild könne hierbei die Schweiz gelten, die die Pflicht zu einer strukturierten Beratung mit Beratungsbögen eingeführt habe, so Spahn. Der Präsident der Bundesapothekerkammer, Andreas Kiefer, betonte, im Falle einer Freigabe der Pille danach wären Deutschlands Apotheker bereit, die Sicherheit der Anwenderinnen durch Beratung sicherzustellen. Der Bundesapothekerverband sehe in der  Empfehlung einer rezeptfreien Abgabe der "Pille danach" einen wichtigen Schritt. Die Wirkung der "Pille danach" mit dem Wirkstoff Ulipristal sei sicherer, je früher sie eingenommen werde. "Ohne Rezeptpflicht könnten wir unseren Patientinnen noch schneller weiterhelfen", erläutert Kiefer. 


Zustimmung für seinen Kurswechsel erhielt Gröhe vor allem von weiblichen SPD-Politikerinnen. Der rezeptfreie Verkauf des Medikaments sei überfällig "und ein wichtiger Teil des Selbstbestimmungsrechts moderner Frauen", sagte die SPD-Gesundheitspolitikerin Martina Stamm-Fibich. Im Zuge einer möglichen Freigabe der Pille mit dem Wirkstoff Ulipristal, solle jedoch auch die mit dem Wirkstoff Levonorgestrel, um die seit Wochen ebenfalls debattiert wird, freigegeben werden. 

Die Debatte um eine Rezeptfreiheit von Levonorgestrel war erst vor zwei Wochen erneut im Gesundheitsausschuss des Bundestags vertagt worden. Sowohl die Linke als auch die Grünen hatten einen entsprechenden Antrag zur Freigabe des Medikaments gestellt, die SPD erbat sich jedoch noch mehr Zeit für umfangreiche Beratungen zum Thema. Die CDU lehnte die Freigabe zum damaligen Zeitpunkt rigoros ab. Die Linken-Gesundheitspolitikerin Kathrin Vogler beschuldigte die Union, sie lehne die Freigabe der "Pille danach" aus ideologischen Gründen ab und verstecke sich hinter vorgeschobenen und unwissenschaftlichen Argumenten. "Wenn Minister Gröhe nicht von der europäischen Ebene zum Handeln gezwungen werden will, sollte er schnell selbst eine Verordnung für die Rezeptfreiheit von Levonorgestrel erlassen", sagte Vogler. Levonorgestrel ist in den meisten Mitgliedsstaaten der EU bereits ohne Rezept verfügbar. 


Die CDU könnte die Freigabe von "ellaOne" dennoch verhindern. Sie müsste sich dazu auf die EU-Richtlinie berufen, die den Mitgliedsstaaten erlaubt, "den Verkauf, die Lieferung und den Gebrauch von empfängnisverhütenden oder schwangerschaftsunterbrechenden Arzneimitteln" zu verbieten oder einzuschränken. 


Die EU will mit der Freigabe von Ulipristal Frauen nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder Verhütungspannen den Zugang zu entsprechenden Präparaten erleichtern. Ulipristal verhindert den Eisprung, beziehungsweise verzögert diesen und wirkt deshalb empfängnisverhütend. Jedoch muss es bis spätestens fünf Tage nach dem Geschlechtsverkehr, im besten Falle innerhalb von 24 Stunden, eingenommen werden. Die Abschaffung der Verschreibungspflicht soll bewirken,  dass den Betroffenen das Präparat früher zur Verfügung steht, und so dessen Wirksamkeit steigern.

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