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„Women in Exile“

Frauenrechtsorganisation warnt vor Übergriffen in Asylheimen

Sonntag, 29 November 2015 05:03 geschrieben von  Susanne Hagel
Frauenrechtsorganisation warnt vor Übergriffen in Asylheimen Grafik: Derfflinger

Magdeburg - Die Flüchtlingsfrauenselbstorganisation „Women in Exile“ Brandenburg schlägt Alarm: in deutschen Asylantenunterkünften seien Gewalt und sexuelle Übergriffe gegen Frauen an der Tagesordnung. „Es gibt keine Frau, die nicht eine Geschichte von aufdringlichen Blicken, widerlichen Kommentaren, unerwünschtem Anfassen oder Vergewaltigung erzählen könnte“, erklärte Elisabeth Ngari, Sprecherin des Vereins. „Frauen gehen in manchen Heimen aus Angst nachts gar nicht mehr auf die Toilette.“

Auch dem Brandenburger Flüchtlingsrat ist das Problem bekannt. Zwar komme es auch im Alltagsleben zu sexuellen Übergriffen, „aber in Sammelunterkünften treten diese in konzentrierter und vermehrter Form auf“, erklärt Sprecherin Ivana Domzet. Der Flüchtlingsrat fordert deshalb, Frauen und Kinder getrennt von alleinreisenden Männern unterzubringen.

Das Phänomen tritt bundesweit immer öfter zutage. Am bekanntesten ist wohl der Fall der Münchner Bayernkaserne: Im Frühjahr dieses Jahres berichtete eine Frauenrechtsorganisation, wie systematisch dort Frauen missbraucht und zur Prostitution gezwungen würden. Für nur zehn Euro prostituierten sich dort Asylantinnen, teils auch um die übrigen Frauen und minderjährigen Mädchen vor Übergriffen zu schützen. Schlagzeilen machte auch die Asylantenunterkunft Kitzingen, wo junge Männer einer Putzfrau derart nachgestellt hatten, dass seither nur noch männliche Reinigungskräfte eingesetzt werden dürfen. Im September wurde bekannt, dass im Erstaufnahmelager in Gießen mindestens fünfzehn Frauen sexuell missbraucht worden waren. Die Polizei übernahm die Ermittlungen wegen Vergewaltigung und Zwangsprostitution.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes Wilhelm Rörig, warnt: „In Gemeinschaftsunterkünften haben es Missbrauchstäter im Moment sehr leicht, Nähe zu Frauen und Kindern herzustellen und sexuelle Übergriffe zu begehen, da klare Strukturen, Regeln und Mindeststandards der Prävention fehlten.“ Auch ihn erreichen täglich Meldungen neuer Missbrauchsfälle.

Doch Gegenmaßnahmen zu ergreifen, gestaltet sich schwer. In Hamburg ließ man eigens Zelte nur für Frauen als Rückzugsort aufstellen. „Wir achten immer auf eine getrennte Unterbringung“, betont Susanne Schwenke von der zuständigen Gesellschaft „Fördern und Wohnen“. Frauen würden möglichst nahe am Büro der Sicherheitskräfte untergebracht. Problematisch wird es in Notunterkünften, lediglich ein Sichtschutz ermöglicht ein Minimum an Privatsphäre. „Alle Mitarbeiter haben auf diese Problematik einen besonderen Blick“, versichert Schwendke.

In Niedersachsen wurde eine Tagesklinik für Transkulturelle Psychiatrie mit Plätzen für vierzig Asylantenfrauen geschaffen: Eine Seltenheit in Deutschland, denn die Mitarbeiter sind sprachlich auf ihre Patienten eingestellt. „Die Therapielandschaft in Deutschland ist nicht darauf eingerichtet, so viele Menschen aus Kriegsgebieten mit den unterschiedlichsten Traumata zu behandeln“, gibt der Geschäftsführer Rainer Brase zu bedenken. „Es fehlt allein schon an Therapeuten, mit denen die Menschen in ihrer Sprache reden können.“ Dieses Problem bestätigt auch Eva von Keuk, Menschenrechtsbeauftragte im Bund Deutscher Psychologen. „Wir brauchen vor allem qualifizierte Dolmetscher.“. Und sie weist auf ein weiteres Problem hin: „Dolmetscher müssen auch aushalten können, was sie in diesen Gesprächen erfahren.“

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