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Krise gefährdet Arbeitsplätze

Heiße Debatten mit Griechenland und Kalter Krieg mit Russland

Freitag, 19 Juni 2015 22:19 geschrieben von  Rüdiger Dietrich

Magdeburg - Nachdem nahezu ausnahmslos die Berichterstattung über die vergeblichen Verhandlungen mit Griechenland die Medienlandschaft dominieren, scheint man fast zu vergessen, welche Auswirkungen aus der Krise im Verhältnis Europas zu Russland erwachsen könnten. Während alle Welt offenbar einzig und womöglich viel zu lange mit Griechenland spricht, aber keinesfalls mit Russland, fanden hingegen sehr fruchtbare Gespräche zwischen Griechenland und Russland statt. Der Umstand, daß eine zu nachgiebige Haltung gegenüber Griechenland Europa und insbesondere Deutschland kostspielige Probleme bereiten kann, dringt zunehmend ins breite Bewußtsein, daß jedoch eine allzu unnachgiebige Haltung gegenüber Russland sich nicht minder wirtschaftlich nachteilig erweisen kann, will man jedoch zumeist noch nicht glauben. Diesbezüglich ist vielleicht eine aktuelle Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) geeignet, die Augen zu öffen, nachdem bislang namhafte Stimmen aus renommierten Wirtschaftsvereinigungen ungehört verhallten. Demgemäß sind im Gefolge der sogenannten Russlandkrise europaweit über zwei Millionen Arbeitsplätze gefährdet, wovon allein in Deutschland knapp eine halbe Million verloren gehen könnten.

Laut der Wifo-Studie kann der seitens einer Weltbankeinschätzung prognostizierte Rückgang des russischen Bruttoinlandsprodukts infolge der EU-Sanktionen eine Bumerangwirkung auf die Entwicklung der deutschen Wirtschaft zeitigen, die schnell mehr als ein Prozent der Wirtschaftsleistung ausmache. Die Erkenntnis der Studie, daß voraussichtlich keine europäische Volkswirtschaft von der Sanktionspolitik in solchem Ausmaße betroffen sein wird, wie die deutsche, relativiert das Mantra der bundesrepublikanischen Wirtschaftsstabilität doch sehr. Mittelfristig entfielen von den errechneten ca. 100 Mrd. € Wertschöpfung, die in Europa dadurch gefährdet seien, allein 27 % davon auf Deutschland. Was die Wahrscheinlichkeit solch pessimistischer Prognosen anbelangt, darf ein Zitat von Oliver Fritz vom Wifo beunruhigen, der gegenüber der „Welt“ äußerte, daß die Exportausfälle, die im Herbst vergangenen Jahres schlimmstenfalls angenommen wurden, inzwischen Realität seien. Es ist auch unübersehbar zu beobachten, daß sich Russland infolge der EU-Sanktionspolitik, die wie erst am Mittwoch in Brüssel beschlossen wurde, bis 2016 fortgesetzt werden soll, wirtschaftlich zunehmend mit Asien verbindet. Es wäre wohl blauäugig anzunehmen, es wäre zukünftig ein Leichtes für europäische Unternehmen diese Marktanteile wieder zurückzugewinnen.

Im Gegenzug wurde auf dem 19. Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg nicht allein verkündet, daß auch Russland seinerseits seine Sanktionen ebenso verlängern wird, sondern auch die Verlängerung der Pipeline Turkisch Stream des russischen Staatskonzerns Gazprom nach Griechenland angekündigt. An dieser Alternative zu den im Konflikt mit der EU eingestellten South Stream-Planungen sollen auch Serbien und Ungarn nicht uninteressiert sein, einen Anschluß zu erhalten. Im Gegensatz zu dieser energiepolitischen Einigung zwischen Russland und Griechenland endeten die Gespräche der Euro-Finanzminister mit Griechenland am Donnerstag ergebnislos, obwohl die zu Monatsende fällige Kreditsumme an den IWF mit nur etwa einem Prozent der griechischen Goldreserven zu begleichen wären. Doch vielleicht stellt Griechenland bezüglich seines Goldes ganz andere währungspolitische Überlegungen an…

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