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"Da kommen wir nicht voran“

Hier stockt die „Integration“: Türkische Einwanderer bleiben bildungsfern

Montag, 16 Juni 2014 11:19 geschrieben von  Jens Hastreiter
Pressekonferenz mit Bundesministerin Prof. Dr. Johanna Wanka. Pressekonferenz mit Bundesministerin Prof. Dr. Johanna Wanka. Foto: Laurence Chaperon Quelle: www.bmbf.de

Berlin - Der Bundesbildungsbericht 2014 präsentiert ernüchternde Zahlen für die türkischen Einwanderer in Deutschland. Mehr als die Hälfte von ihnen hat keinen beruflichen Bildungsabschluss und bekommt auch keinen.

Dem jetzt vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Bundesbildungsbericht 2014 ist zu entnehmen, daß 53 Prozent der 30- bis 35-jährigen türkischen Einwanderer in Deutschland nicht über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Dazu werden der Abschluss einer Lehre, die Ausbildung an Fachhochschulen oder ein Universitätsabschluss gezählt.

In derselben Altersgruppe verfehlen Migranten fünfmal so häufig den allgemeinbildenden und dreimal so häufig den beruflichen Bildungsabschluss wie gleichaltrige Deutsche. Besonders schlecht schneiden in dieser Altersgruppe türkischstämmige Frauen ab. Von ihnen haben knapp 60 Prozent keinen Berufsabschluss. Kinder von Eltern mit niedrigem Schulabschluss machen außerdem nur selten von zusätzlichen Angeboten wie Musik- oder Sportunterricht Gebrauch.

Von allen Einwanderungsgruppen zusammen hatten 35 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung. Unter den Deutschen hatten lediglich elf Prozent keinen beruflichen Bildungsabschluss. Jeder fünfte junge Türke hat dabei nicht einmal einen Schulabschluss.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden geringer, allerdings nur deshalb, weil sich bei den jungen Männern der gleichen Herkunft nichts verändert. „Hier scheinen weiterhin kulturelle Unterschiede eine Rolle zu spielen", heißt es in der Studie. „Da kommen wir nicht voran." Diese Gruppe weist bei den Migranten auch den größten Schulmisserfolg aus. Mehr als 20 Prozent der jungen Frauen haben keinen Hauptschulabschluss, bei den Männern sieht es etwas besser aus.

Insgesamt habe sich das Bildungsniveau in Deutschland jedoch deutlich erhöht, teilen die Statistiker mit. So sei der Anteil der Personen mit Hochschulreife bei den 30- bis 34jährigen mit 43 Prozent etwa doppelt so hoch wie bei den 60- bis 64jährigen (22 Prozent). Unter den Türkischstämmigen ist der Wert, den Experten als „Bildungsbeteiligungsquote“ bezeichnen, kontinuierlich seit 2005 um 13 Prozent gestiegen. Die Ausschussquoten bleiben allerdings offensichtlich bisher niedrig.

Marcus Hasselhorn, dessen Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung den Bericht erstellte, hält es für problematisch, dass türkische Kinder in der Regel zwei Jahre später ins frühkindliche Bildungssystem einsteigen als deutsche Kinder. Denn: „Der Schlüssel liegt in der frühkindlichen Bildung." Oft sei verspätete sprachliche Entwicklung der Grund dafür, dass es die Kinder in der Schule schwerer hätten. Deshalb forderten die Autoren des Bildungsberichtes einen Ausbau von Ganztagsschulen sowie eine verbesserte Betreuung von Kleinkindern. Als problematisch bewerten sie zudem den Stand der Inklusion in Deutschland. Bevor die Integration behinderter Schüler in die Regelschulen umgesetzt werden könnte, müsse erst einmal klar sein, „wo welche Schülerinnen und Schüler inkludiert werden“. Dabei sprachen sich die Forscher gegen die Abschaffung der Sonderschulen aus.

Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) erachtet es als wichtig, sich die Situation der Männer genauer anzusehen. Dir gezielte Förderung junger türkischer Männer will sie unter anderem beim Bildungsgipfel im Herbst gemeinsam mit der Kanzlerin erörtern. „Ein möglicher Weg ist, die handwerklichen Berufe wieder attraktiver zu machen", sagte Wanka. Den Anstieg der Abschlüsse bei den Frauen sieht sie immerhin als ermutigend an.

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