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"Das Szenario stellt eine kommende Realität dar“

In Österreich wird über eine brisante Entwicklung im Gesundheitsbereich diskutiert

Montag, 21 Juli 2014 12:01 geschrieben von  Jens Hastreiter
Screenshot: www.ortneronline.at Screenshot: www.ortneronline.at

Wien - In Österreich wird schon seit längerer Zeit um die Einführung einer zentral gespeicherten elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) diskutiert. Dieses System hält der Nationalratsabgeordnete der Kleinpartei „Team Stronach“ Marcus Franz schon vor seiner Einführung für antiquiert. Stattdessen will er die Bevölkerung „chippen“. 

Die ELGA hätte ursprünglich Anfang 2015 eingeführt werden sollen. Berichten österreichischer Medien zufolge wird das System nun aber erst Ende des kommenden Jahres starten. Unterdessen nimmt die Diskussion eine interessante  Wendung.

Die Vorteile, die geltend gemacht werden, sind augenfällig: die elektronische Gesundheitsakte (ELGA) speichert relevante Kranken-Daten, auf die Ärzte, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Apotheken auch in einem Notfall zugreifen können. Allerdings: es gibt auch gewichtige Argumente dagegen, und diese lassen sich nicht einfach vom Tisch wischen. Der Arzt Dr. Marcus Franz, der auch Gesundheitssprecher und Generalsekretär des „Team Stronach“ ist, hat die wichtigsten davon jüngst auf dem Online-Portal ortneronline.at zusammengefasst, das sich selbst als „Zentralorgan des Neoliberalismus“ apostrophiert. Franz zufolge sehen vor allem die Datenschützer bei ELGA enorme Gefahrenpotentiale und  protestieren ebenso lautstark wie die Ärzte dagegen, „welche zu Recht vor explodierenden Kosten und unsinnigem wie exorbitantem Verwaltungsaufwand warnen“. Die ärztliche Schweigepflicht und das Vertrauen in der Arzt-Patienten-Beziehung seien durch die ELGA gefährdet.

Franz zieht daraus einen ebenso interessanten wie brisanten Schluß: „ELGA ist schon ein Auslaufmodell, bevor sie noch richtig etabliert wurde. Die einzig wirklich sinnvolle ELGA wird es nämlich erst dann geben können, wenn sie in Form eines implantierbaren Chips, auf dem alle notwendigen medizinischen Daten gespeichert sind, für die breite Masse zur Verfügung steht."

Nur diese Lösung böte eine Antwort für das Problem von „explodierenden Kosten und unsinnigem wie exorbitantem Verwaltungsaufwand" durch ELGA. Denn: „Auf dem Chip sind genau jene Daten gespeichert, welche der Patient gespeichert haben möchte, und vor allem genau jene, die medizinisch relevant sind. Ausgelesen wird nur vor Ort und bei gegebener Notwendigkeit, es gibt keine zentralen Speicher, wo heikle Patientendaten gehackt werden könnten", so der Politiker.

„Chippen“ ist schon jetzt in der Europäischen Union (EU) vorgeschrieben, allerdings nur für Hunde, wenn sie auf Reisen ins europäische Ausland gehen. Dazu wird ein Mikrochip  von einem Tierarzt über eine etwas dickere Kanüle in das weiche Gewebe unter dem Nackenfell oberhalb der linken Schulter eingesetzt. Der Chip-Transponder ist ca. 12 x 2 mm groß und verbleibt lebenslang im Gewebe des Hundes. Mit Hilfe des Chips kann man mit dem entsprechenden Lesegerät, das man einige Zentimeter über die Stelle im Nacken hält, elektronisch einige Stammdaten zum Hund und Adreßdaten seines Halters auslesen.

„Stronach“-Sprecher Franz möchte dieses System nun auf die Menschen ausweiten, vorerst freilich nur auf die österreichischen. Er selbst räumt ein: „Zugegeben: Der nahezu alleskönnende Chip im Patienten und das Lesegerät erinnern ein wenig an den legendären Doc 'Pille' McCoy vom Raumschiff Enterprise.“ Milliardenkonzerne wie Motorola und andere Halbleiter-Hersteller arbeiteten aber bereits mit Hochdruck an der Herstellung immer kleinerer elektronischer Devices. Der derzeit kleinste implantierbare Chip, so Franz, sei 1,9 mal zwei Millimeter groß und funktioniere „in vielen medizinischen Fragestellungen blendend. Man wird sich der Frage 'Chip rein oder nein' also bald nicht mehr entziehen können."

Auch vergeßliche oder demente Personen hätten große Vorteile vom implantierbaren Mikrochip: „Niemand kann den Chip zu Hause vergessen oder verlieren, der Chip kann nicht gestohlen werden, Mißbrauch ist ausgeschlossen und jeder Mensch hat alle seine wichtigen medizinischen Daten immer und überall bei sich – ohne daß er sich noch besonders darum kümmern muß.“

Ob nach der Einführung eines solchen Chips wirklich jeder Mißbrauch ausgeschlossen ist, bleibt allerdings fraglich – gerade mit Blick auf die politischen Rahmenbedingungen in der auf Flexibilisierung und Privatisierung fixierten EU, die dem Verbraucher beinahe im Wochenrhythmus immer neue haarsträubende Skandale zumutet, etwa im Umwelt- und Ernährungsbereich. Da wäre der von Franz und Co. propagierte Chip verführerisch praktisch – ließen sich doch auch ganz andere als nur medizinische Daten darauf speichern und vom großen EU-Bruder nutzbar machen. Franz gibt sich denn auch verdächtig sicher: „Das Szenario stellt aber eine kommende Realität dar.“

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