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Abschied von einem Geburtshelfer der deutschen Einheit

In Tiflis starb der frühere sowjetische Außenminister Edward Schewardnadse

Donnerstag, 10 Juli 2014 17:02 geschrieben von  Jens Hastreiter
In Tiflis starb der frühere sowjetische Außenminister Edward Schewardnadse Bild: AP Photo/ Shakh Aivazov

Berlin - Am 7. Juli starb in der georgischen Hauptstadt Tiflis der frühere sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse im Alter von 86 Jahren. Schewardnadse war von 1992 bis 2003 Präsident von Georgien. Zuvor prägte er unter dem letzten sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow die Politik von Perestroika und Glasnost entscheidend mit und war von entscheidender Bedeutung für die deutsche Wiedervereinigung. Mit dem langjährigen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher verband ihn eine persönliche Freundschaft.

Schewardnadse war 1928 im georgischen Mamati nahe des Schwarzen Meeres geboren worden. Sein Vater war Lehrer für russische Sprache und Literatur in Dsimiti und zudem Mitglied des Obersten Sowjet Georgiens.

Bereits am Tag nach seiner Ernennung zum KPdSU-Parteisekretär berief Gorbatschow am 2. Juli 1985 Schewardnadse als Außenminister. Dieser war damals in diplomatischen Fragen völlig unerfahren. Er gewann jedoch rasch an Statur und prägte in den folgenden fünfeinhalb Jahren die neue Außenpolitik der Sowjetunion im Zeichen von Glasnost und Perestrojka.

Mit seinem Namen verbunden sind die wichtigsten außenpolitischen Entwicklungen dieser Zeit, die heute im Rückblick als Wegmarken der Auflösung des Sowjet-Imperiums in Erinnerung sind: der sowjetische Rückzug aus Afghanistan, der Erfolg der Abrüstungspolitik, die Duldung und Förderung der politischen Umwälzungen in Osteuropa, die „kleine“ Vereinigung Deutschlands und die Zusammenarbeit mit den USA und anderen Ländern des Westens gegen den Irak in der Golfkrise 1990/91.

Schewardnadses Rolle in Moskau endete, als Präsident Boris Jelzin im Dezember 1991 das sowjetische Außenministerium vom russischen Außenamt übernehmen ließ. Im Frühjahr des folgenden Jahres kehrte Schewardnadse in sein nunmehr unabhängiges Heimatland Georgien zurück und wurde wenig später zum Staatsoberhaupt gewählt. Er überlebte zwei Mordanschläge. 2003 trat er nach wochenlangen Protesten vom Amt zurück, nachdem die USA in Georgien eine der ersten „Farb“-Revolutionen inszenierten und mit dem in den USA ausgebildeten Rechtsanwalt und Stipendiaten Michael Saakaschwili eine ihnen genehme Marionette im Präsidentenpalast in Tiflis installiert hatten. Georgien fiel in den darauffolgenden Jahren einer schleichenden Machtübernahme durch die USA anheim, die unter anderem die georgische Armee neu ausrüsteten und auch deren Ausbildung übernahmen. 2010 brach Saakaschwili – in der fälschlichen Annahme amerikanischer Rückendeckung – einen Krieg um Südossetien vom Zaun, der dank einer raschen militärischen Reaktion Moskaus innerhalb kürzester Zeit in einem Desaster endete.

Schewardnadse verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in Zurückgezogenheit. In Deutschland dürfte ihm wegen seiner unbestreitbaren Verdienste um die rasche Verwirklichung der deutschen Wiedervereinigung 1989/90 auch in Zukunft ein ehrendes Angedenken sicher sein.

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