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Nachforschungen über ein Phantom

Kai Voss wartet in seinem neuen Buch über den NSU mit einer Vielzahl verstörender Recherchen und provozierender Fragen auf

Mittwoch, 15 Oktober 2014 05:55 geschrieben von  Hans Driesch
Kai Voss: Das NSU Phantom: Staatliche Verstrickungen in eine Mordserie Kai Voss: Das NSU Phantom: Staatliche Verstrickungen in eine Mordserie Verlag: ARES Verlag

München - Der derzeit vor dem Oberlandesgericht München laufende Prozeß gegen Beate Zschäpe, der letzten Überlebenden der mutmaßlichen Zwickauer Terrorzelle, die unter der Bezeichnung „NSU“ („Nationalsozialistischer Untergrund“) für eine Vielzahl an schweren und schwersten Straftaten verantwortlich sein soll, zeigt die Schwierigkeit auf, selbst einem mutmaßlichen Mitglied dieser terroristischen Vereinigung auch nur eines dieser Verbrechen nachzuweisen. Außerdem sorgt der Prozeß in München in regelmäßigen Abständen zumindest bei den Vertretern der Nebenklage als auch in der interessierten Öffentlichkeit für Verstörung, weil immer wieder die Frage aufkommt, ob und was staatliche Organe beziehungsweise deren Mitarbeiter von dem Trio im Untergrund und dessen mutmaßlichen Taten gewusst haben könnten.  Alle diese Fragen werden in den etablierten Medien merkwürdigerweise fast nie in der gebotenen Schärfe gestellt, so daß man manchmal den Eindruck gewinnt, die herkömmliche Lesart der NSU-Verbrechensserie sei fast so etwas wie eine unausgesprochene Staatsraison, der sich sowohl Politik als auch Medien – Ausnahmen bestätigen die Regel – zumindest größtenteils unterordnen.

Akribische Recherche

Im Grazer Ares-Verlag ist nun ein Buch erschienen, das sich diesem fragwürdigen Konsens verweigert und so systematisch wie in noch keiner Veröffentlichung zu diesem Themenkomplex zuvor die zahlreichen Widersprüche auflistet, die sich für all jene auftun, die sich etwas genauer mit dieser beispiellosen Verbrechensserie beschäftigen. „Das NSU-Phantom – Staatliche Verstrickungen in eine Mordserie“ heißt der Titel des unter dem Pseudonym „Kai Voss“ auftretenden Autors, der auch schon als Verfasser eines Sonderheftes des Magazins „Compact“ zum gleichen Thema in Erscheinung getreten ist. Voss verweist von Beginn seines Buches an die offizielle, von der Karlsruher Generalbundesanwaltschaft vertretene Version der NSU-Verbrechensserie in den Bereich der politisch motivierten Legendenbildung ohne sich dabei je auf verschwörungstheoretische Abwege zu begeben – dafür sind seine Einwände gegen die offiziöse Darstellung des sogenannten NSU-Terrors in 539 Fußnoten zu gut dokumentiert und mit Quellenangaben versehen. Überzeugend weist Voss nach, daß schon die Grundthese von der Alleintäterschaft Böhnhardts, Mundlos und Zschäpes angesichts von zehn ihnen zur Last gelegten Morden, mindestens 16 Raubüberfällen und drei Sprengstoffattentaten, die an über 20 über das ganze Land verstreuten Tatorten begangen wurden, nicht nur phantastisch klingt, sondern sich gerade bei näherer Betrachtung der Verbrechen noch phantastischer darstellt. Insbesondere die sogenannten „Döner“-Morde setzten in der schauderhaften Professionalität, in der sie begangen wurden, eine akribische Ausforschung der Tatorte voraus, die von drei relativ jungen Rechtsextremisten, die angeblich in Mitteldeutschland reihenweise Banküberfälle begingen und in Westdeutschland quer durch das Land gemordet haben sollen, so schlechterdings nicht zu leisten war.

Widersprüche über Widersprüche

Jeder Mord – und insbesondere auch die beiden angeblichen Suizide von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in dem Wohnmobil im Eisenacher Stadtteil Stregda – ist darüber hinaus mit einer Vielzahl bis heute offener Fragen belastet: Das fängt damit an, dass Waffenexperten fundiert die These anzweifeln, dass Mundlos und Böhnhard mit einem Repetiergewehr der Marke Winchester gar nicht auf die ihnen unterstellte Art und Weise Selbstmord begangen haben können und geht damit weiter, dass gegen einen früheren Mitarbeiter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, der sich am Tatort eines dem NSU zugeschriebenen Mordes in einem Kasseler Internetcafé aufgehalten hat, nicht nur nicht ernsthaft ermittelt, sondern die Ermittlungen gegen ihn sogar noch vom hessischen Innenministerium unter seinem damaligen Chef, dem heutigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, behindert werden. Ernste Fragen stellen sich aber auch durch die Enttarnung zahlreicher V-Leute der Inlandsgeheimdienste im unmittelbaren Umfeld des NSU – haben diese tatsächlich alle ihre V-Mann-Führer belogen, um das Trio im Untergrund zu decken? Kai Voss stellt in seinem Buch alleine 23 V-Leute mit NSU-Bezug in Kurzporträts vor, von der ominösen „Gewährsperson 389“ (Klarname: Benjamin Gärtner), mit der der hessische Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme kurz vor und kurz nach dem Mord an Halit Yozgat in einem Kasseler Internetcafé telefonierte, bis hin zu Michael von Dolsperg alias „Tarif“, der gerade in diesen Tagen mit der Behauptung für Aufsehen sorgt, er habe kurz nach dem Untertauchen des Trios eine Zugriffsmöglichkeit für die Polizei herbeiführen können, was von seinem V-Mann Führer allerdings abgelehnt worden sei.

Seltsame Selbstmorde

Die offiziell verbreitete NSU-Story dreht für Kai Voss aber endgültig in den Bereich der reinen Phantastik ab, wenn man sich die Umstände des angeblichen Doppelselbstmords von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos vergegenwärtigt: Zwei gewissenlose Serienmörder und Bankräuber sollen sich beim Herannahen einer Polizeistreife selbst erschossen haben, obwohl sie sich im Jahr 2007 in Heilbronn noch selbst an die Beamtin Michèle Kiesewetter herangeschlichen haben, um einen Polizistenmord zu begehen? Und warum führten zwei angebliche Meisterkriminelle für einen Bankraub in Eisenach nicht nur Geld aus einem früheren Bankraub, sondern auch ein ganzes Arsenal an Tatwaffen mit sich, mit denen der besagte Heilbronner Polizistenmord begangen wurde, was sie im Fall einer Festnahme schwer belastet hätte? Wieso setzt Beate Zschäpe ihre Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße in Brand – angeblich, um Beweismittel zu vernichten – und belastet sich wenig später schwer, indem sie Beweismittel, nämlich die ominösen Bekenner-DVDs, an die Presse verschickt? Kai Voss läßt in seiner Bewertung der Ereignisse keinen Zweifel daran, dass er die von weiten Teilen der Öffentlichkeit, der politischen Klasse und der Medien ständig wiederholte Behauptung, dass es sich beim sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ um eine hermetisch abgeschirmte und autonom handelnde Zelle von genau drei Rechtsterroristen gehandelt haben soll, für mittlerweile längst widerlegt hält. Mehr noch: Voss wirft die Frage auf, ob es in der Realität überhaupt einen „NSU“ gegeben hat, oder ob dieser anhand eines frisierten Tatorts in Eisenach und einer ebenfalls manipulierten Brandruine in Zwickau nicht erst von interessierten Kreisen geschaffen wurde. Wer das nun wieder für zu phantastisch hält, sollte sich zumindest die Mühe machen, dieses äußerst aufwendig recherchierte und im besten Sinne aufklärerische Buch erst zu lesen, bevor er sich ein Urteil bildet.

Quelle:

Kai Voss: Das NSU Phantom: Staatliche Verstrickungen in eine Mordserie

ARES Verlag, 288 Seiten, geb., 19,90 €

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