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Bleibt Schweinfurts Oberbürgermeister Sebastian Remele gelassen?

Kesseltreiben gegen Historiker Stefan Scheil

Donnerstag, 25 September 2014 02:57 geschrieben von  Johann W. Petersen
Historiker Stefan Scheil Historiker Stefan Scheil Bild: Visiomedia

Schweinfurt - Der Geschichtsforscher Stefan Scheil soll Anfang Oktober in Schweinfurt mit dem Historiker-Preis der Kronauer-Stiftung ausgezeichnet werden. Die 1999 von dem Schweinfurter Unternehmer Erich Kronauer und seiner mittlerweile verstorbenen Frau Erna eingerichtete Stiftung zeichnet alle zwei Jahre wissenschaftliche Arbeiten von Historikern mit dem Schwerpunkt Totalitarismusforschung aus. Der Historiker-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, Scheil soll ihn für sein Werk „Logik der Mächte“ erhalten, das sich mit der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs befasst.

 Mit diesem 1999 bei Duncker & Humblot veröffentlichten Buch begründete Scheil seinen Ruf als profunder Kenner der europäischen Diplomatiegeschichte. Seither folgte über ein halbes Dutzend weiterer Veröffentlichungen wie „Fünf plus Zwei“, „Transatlantische Wechselwirkungen“ oder eine Ribbentrop-Biografie bei Duncker & Humblot, „1940/41. Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs“ bei Olzog oder „Präventivkrieg Barbarossa“ und „Polen 1939“ bei Antaios. Sein Wiener Historikerkollege Lothar Höbelt bemerkte einmal mit Blick auf Scheils Veröffentlichungen zum Zweiten Weltkrieg hervor, er habe einen „sehr genau argumentierten Schlag“ gegen das gängige Bild zur Entstehung dieser Jahrhundertkatastrophe geführt.

Genau diese „revisionistische“ Methode passt manchen Zeitgenossen gar nicht. So läuft derzeit ein Kesseltreiben gegen die Preisverleihung an den unbequemen Historiker, bei der auch Schweinfurts Oberbürgermeister Sebastian Remelé (CSU) ein Grußwort halten soll. Die SPD-Stadtratsfraktion forderte kürzlich in einem Eilantrag, dass der Kronauer-Stiftung für die Preisverleihung die Rathausdiele im Alten Rathaus der Stadt Schweinfurt als Veranstaltungsort entzogen werden möge. Zudem habe sich der OB in der Sache eindeutig zu positionieren, womit wohl gemeint war, dass er sich von der Preisverleihung an Scheil distanzieren und sein Grußwort absagen sollte.

Beides lehnte Remelé ab. Die Rathausdiele müsse allen Schweinfurter Vereinen und Organisationen zur Verfügung gestellt werden, woraus ein rechtlicher Anspruch der  Kronauer-Stiftung auf Überlassung erwachse. Da strafrechtlich oder verfassungsrechtlich bedenkliche Handlungen oder Äußerungen bei der Veranstaltung nicht zu erwarten seien und solche auch nicht von Scheil bekannt seien, bestehe kein Grund zur Verweigerung des Versammlungsraums. Zugleich betonte der OB: „Aus meiner Sicht gibt es zum verbrecherischen Charakter des Dritten Reiches nur ein akzeptable Haltung. Verharmlosung und Umdeutungsversuche haben keine Berechtigung. In meinem Grußwort bei der Veranstaltung werde ich dies auch deutlich machen.“

Das allerdings reicht den örtlichen Sozialdemokraten nicht, die sich mit dem DGB, der Oskar-Soldmann-Stiftung sowie den „Initiativen gegen das Vergessen“ aus Schweinfurt und Nürnberg zu einem Bündnis gegen die Preisverleihung haben. Die Scheil-Gegner laden nun für den 29. November zu einer Veranstaltung in die Rathausdiele unter dem Motto „Schweinfurt gegen Geschichtsverfälschung – kein Preis für Ewiggestrige“ ein, bei welcher der berüchtigte „Antisemitismusforscher“ Wolfgang Benzdie „Haltlosigkeit der Thesen Scheils“ aufzeigen werde, wie Schweinfurts stellvertretender SPD-Chef Peter Steinmüller der „Main-Post“ verriet.

Benz hat seine Ansichten über Scheil und dessen Werke schon vorher publik gemacht. In einer Stellungnahme des emeritierten Professors an der TU Berlin heißt es: „Der Zweite Weltkrieg war keine Verschwörung der Großmächte gegen Deutschland. Der Historikerpreis der Kronauer-Stiftung für Stefan Scheil ist ein Versuch, rechtes Denken salonfähig zu machen.“ Ähnlich sieht es auch Alexander Schmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und Sprecher der Regionalgruppe Nordostbayern des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der Scheil gegenüber der „Main-Post“ zwar einen fleißigen Historiker nannte, der nicht nur Falsches äußere. Problematisch sei jedoch, behauptet Schmidt, dass dieser „kaum ein Wort verliert, was eigentlich die ideologisch geprägten Ziele Hitlers waren“. Beim Lesen seiner Thesen habe man das Gefühl, dass ihm ein „Großdeutschland in den damaligen Grenzen so unsympathisch gar nicht wäre“. Scheil sei nicht preiswürdig, weil er Hitler und die Nationalsozialisten verharmlose und es so darstelle, als seien sie in den Krieg „hineingeschlittert“, so Schmidt.

Ob Schweinfurts Oberbürgermeister Sebastian Remelé dem Druck von links gegen die Preisverleihung an Scheil weiter standhalten wird, oder ob er am Ende doch einknicken wird, möglicherweise sogar nach entsprechender Intervention aus den eigenen CSU-Reihen, bleibt abzuwarten.

Letzte Änderung am Donnerstag, 25 September 2014 03:05
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