www.derfflinger.de

Freigegeben in Politik

Nicht nur Reaktionäre

Neuerscheinung würdigt die deutschen Freikorps zwischen 1918 und 1923

Dienstag, 10 März 2015 21:17 geschrieben von  Johann W. Petersen
Hannsjoachim W. Koch: Der deutsche Bürgerkrieg. Geschichte der Freikorps 1918-1923 Hannsjoachim W. Koch: Der deutsche Bürgerkrieg. Geschichte der Freikorps 1918-1923 Quelle: Verlag Antaios

Magdeburg - Es war eine bemerkenswerte Allianz, die sich nach dem verlorenen Krieg und der darauffolgenden Ausrufung der Republik einstellte: Im Winter 1918 wurden in Absprache mit der neuen Reichsregierung von der militärischen Führung bewaffnete Freiwilligenverbände außerhalb des Heeres aufgestellt, um Aufstände im Innern zu bekämpfen, vor allem aber auch die Grenzen des verbliebenen Territoriums zu sichern.

Freikorpseinheiten taten ihren Dienst in Oberschlesien, kämpften im Baltikum gegen vordringende sowjetrussische Truppen oder schlugen im Frühjahr 1919 in München die rote Rätediktatur nieder. Auch in Kärnten leisteten Freikorps erfolgreich bewaffneten Widerstand gegen den Vorstoß fremder, hier jugoslawischer Truppen. Der misslungene Kapp-Putsch des Jahres 1920 sollte schließlich eine Änderung der Lage bringen. Nun war klar: die Verteidiger des Reiches waren keine Verteidiger der Republik.

Das Ende der siebziger Jahre erstmals erschienene Werk „Der deutsche Bürgerkrieg“ des Historikers Hannsjoachim W. Koch ist eine der wenigen wirklich objektiven Gesamtdarstellungen über die deutschen Freikorps zwischen 1918 und 1923. Der Verlag Antaios hat nun eine Neuausgabe des Standardwerkes veröffentlicht, die auch optisch zu überzeugen weiß. Das Buch widmet sich der Entstehung, den Zielen und den Motiven von Führern und Mannschaften der Verbände und beschreibt ihren tapferen Einsatz im Baltikum, in Berlin, an der Ruhr, in Mitteldeutschland, in Oberschlesien und an der Südspitze Österreichs – und dies vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse und der Sozialgeschichte.

Deutlich werden dabei auch die Besonderheiten der Kriegführung jener Männer, die sich auch nach dem Waffenstillstand von Compiègne weiterhin in der Pflicht sahen, die Heimat gegen ihre inneren und äußeren Feinde zu verteidigen. Koch schreibt hierzu in seinem Werk: „Die Art und Weise, wie die Freikorps ihre Kämpfe führten – bei Befriedungsaktionen im Innern Deutschlands oder an seinen Grenzen, in Deutsch-Österreich oder im Baltikum –, unterschied sich beträchtlich von den damals üblichen und anerkannten Vorstellungen über konventionelle Kriegführung. Zum einen handelte es sich hier in erster Linie um einen Bürgerkrieg mit den in seinem Charakter begründeten unmäßigen Grausamkeiten, und das betraf sowohl den Krieg im Innern wie auch den Kampf außerhalb der Landesgrenzen. Zum zweiten waren die Freikorps, da sie zahlenmäßig eine kleine Gruppe bildeten, um ihre Aufgabe erfolgreich zu erfüllen, gezwungen, ihre militärische Kampfkraft durch die Anwendung besonderer taktischer Mittel aufs höchste zu steigern.“

Daneben räumt der Autor mit der beliebten Legende auf, dass in den Freikorps durchgängig ein reaktionärer Geist vorherrschte, der auf die Restauration der Monarchie gerichtet war. Tatsächlich gab es in vielen Verbänden auch nationalrevolutionäre Bestrebungen, beispielsweise bei Angehörigen der Marine-Brigade Ehrhardt, die sich nicht nur in Weimar, sondern auch später in der NS-Diktatur in Gegnerschaft zu den Machthabern wiederfanden. Zu jenen heute leider in Vergessenheit geratenen Männern zählte der am 20.Juli 1944 hingerichtete Hartmut Plaas oder auch Friedrich Wilhelm Heinz, der seinen Häschern entkommen konnte.

Viele jener Freikorpskämpfer haben es später bereut, sich zeitweise bürgerlichen Kräften und der Reaktion angedient zu haben. „Wir aber, die wir unter alten Fahnen fochten“, klagte beispielsweise ein Ernst von Salomon, „wir haben das Vaterland vor dem Chaos gerettet – Gott verzeihe uns, das war unsere Sünde wider den Geist. Wir glaubten, den Bürger zu retten, und wir retteten den Bourgeois.“ Hannsjoachim W. Koch hat dafür gesorgt, dass ein differenzierter Blick auf die Verteidiger des Reiches möglich ist.

 

Artikel bewerten
(3 Stimmen)