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Wirtschaftskrieg trifft auch deutsche Firmen

Russland im Visier der Ölpreismafia

Donnerstag, 29 Januar 2015 13:40 geschrieben von  Johann W. Petersen

Magdeburg - Nicht nur Russlands Präsident Wladimir Putin führt die seit Monaten andauernde Talfahrt des Ölpreises auf ein politisches Komplott zurück, auch sein venezolanischer Amtskollege Nicolás Maduro hat die Vermutung, dass Saudis und Amerikaner eine gemeinsame Strategie zur Schwächung ihrer Gegner fahren.

Schon Henry Kissinger war klar: „Wer das Öl kontrolliert, der beherrscht die Staaten“. Und so drehen die Scheichs in Riad den Ölhahn momentan voll auf, so dass die westlichen Staaten die Profiteure der Ölschwemme sind, während Erdölproduzenten wie Russland, Venezuela und Iran das Nachsehen haben. Einer der es wissen muss, nämlich Mohamad Bazzi, Experte für den Mittleren Osten beim einflussreichen Council on Foreign Relations (CFR), wies unlängst auf eine interessante Parallele hin: „Die Saudis nutzen das Öl, um politische Rivalen unter Druck zu setzen – wie 1973. Nur diesmal treiben sie nicht die Preise hoch, sondern sie tun das Gegenteil.“

Washington und seine Verbündeten in Riad haben erkannt, wo die Gegner am meisten verwundbar sind. Seit September ist das schwarze Gold um mehr als die Hälfte auf aktuell nur noch knapp 45 Dollar pro Barrel abgestürzt. In den drei Jahren zuvor pendelte der Preis relativ stabil um die 100 Dollar. Das bedeutet insbesondere für Venezuela, den größten Erdölförderer der Welt, aber auch für Russland und Iran enorme Einnahmeausfälle, die dazu führen, dass staatliche Ausgaben zurückgeschraubt werden müssen. Dies schwächt nicht nur die Wirtschaft der betroffenen Länder, sondern begünstigt auch innenpolitische Unruhen.

Parallelen zum Kollaps der Sowjetunion

Nach Meinung von Energieexperten benötigt Russland einen Ölpreis von etwa 100 Dollar je Barrel, um seinen momentanen Budgetverpflichtungen nachzukommen. Der durch jahrelange Sanktionen schwer angeschlagene Iran braucht sogar einen Preis von mehr als 120 Euro, um rote Zahlen zu vermeiden. Sowohl der russische Rubel als auch der iranische Rial haben in den vergangenen Wochen gegenüber dem Dollar schwer eingebüßt. Erstmals unter Putin sinken die Reallöhne. Saudi-Arabien selbst wird zwar eine Belastung für den Haushalt spüren, aber langfristig durch Devisenreserven kompensieren können.

Diese wiederum gehen Venezuela gerade aus. Das lateinamerikanische Land erwirtschaftet gut 95 Prozent seiner Exporterlöse mit Öl. Venezolanisches Schweröl hat sich allerdings noch stärker verbilligt als russisches oder iranisches. Pro Barrel werden nur noch knapp 38 Dollar gezahlt. Die Ratingagentur Moody’s stufte das Land trotz des unlängst vereinbarten 20-Milliarden-Dollar-Kredits aus Peking deutlich herab, da die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls weiter gestiegen sei. Die Wirtschaft befindet sich bereits in einer tiefen Rezession, 2015 dürfte sie erneut um 3,5 Prozent schrumpfen, wegen fehlender Lebensmittel gab es bereits schwere Unruhen, und mit einer Inflation von 64 Prozent war Venezuela im letzten Jahr das mit der höchsten Teuerung weltweit.

Das „Handelsblatt“ zog neulich Parallelen zwischen dem derzeitigen Ölkrieg gegen Russland und der Situation vor dem Kollaps der Sowjetunion. So hieß es in einem Beitrag mit dem Titel „Öl als Waffe“: „Auch Putin sitzt die Angst im Nacken, dass sich Geschichte wiederholen könnte. Viele russische Ökonomen sind nämlich der Ansicht, dass die USA bereits in den 80er-Jahren mit Hilfe Saudi-Arabiens den Ölpreis auf unter zehn Dollar drückten und so den Untergang des kommunistischen Regimes in der damaligen UdSSR beschleunigten. Genau wie heute brachen auch damals die Öleinnahmen ein, und der mit Reformen um das Überleben der Sowjetunion kämpfende Michail Gorbatschow konnte für seine streikenden Bergarbeiter nicht einmal mehr Seife importieren. Der Rest ist Geschichte – und für Putin zum Trauma geworden.“

Infrastrukturprojekte werden aufgeschoben

Die Wirtschaftswissenschaftler, auf die sich das „Handelsblatt“ beruft, sitzen im kremlnahen Russischen Institut für Strategische Studien (RISS). Die Forscher kamen unlängst in einer Studie zu dem Ergebnis, dass derzeit ein umfänglicher westlicher Wirtschaftskrieg gegen Russland geführt wird, in der die Kombination aus Sanktionen, sinkendem Ölpreis und Rubel-Abwertung als Instrumente eines Plans zum Sturz des russischen Präsidenten dienen sollen. Auch die RISS-Analysten gehen davon aus, dass es – wie in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – eine Absprache zwischen den USA und Saudi-Arabien gibt, um den Ölpreis durch eine bewusste Überproduktion zu drücken.

Darum, welche Folgen dieser Ölpreis- und Wirtschaftskrieg gegen Russland auch für die Menschen in den westlichen Staaten am Ende haben könnte, kümmert man sich in Washington und Riad einen feuchten Kehricht. Die rohstofffördernden Länder haben momentan gewaltige Infrastrukturprojekte auf ihrer Agenda, die auch die Auftragsbücher europäischer, vor allem deutscher Firmen füllen. Ein über weitere Monate niedrig gehaltener Ölpreis dürfte solche Projekte vorerst zunichtemachen und damit nicht zuletzt den hiesigen involvierten Firmen einen schweren Schlag versetzen.

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