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Blamierte US-Geheimdienste

Russland ist augenscheinlich nicht am MH17-Absturz schuld – trotzdem soll es Boykotte geben

Samstag, 26 Juli 2014 16:57 geschrieben von  Jens Hastreiter
Russland ist augenscheinlich nicht am MH17-Absturz schuld – trotzdem soll es Boykotte geben © Bild: imago/Russian Look - Quelle: news.at

Washington - Medien und westliche Politiker kannten den Schuldigen sofort: der russische Präsident Wladimir Putin, auf alle Fälle aber prorussische Kämpfer in der Ostukraine seien für den Abschuß der malayisischen Passagiermaschine MH17 am Donnerstag vor einer Woche verantwortlich gewesen, hieß es unmittelbar nach dem Unglück am Spätnachmittag des 17. Juli.

Inzwischen ist von diesem Anfangsverdacht so gut wie nichts mehr übrig, und das müssen amerikanische Behörden wie der Geheimdienst CIA mittlerweile auch öffentlich einräumen. Die amerikanische Seite macht dabei keine besonders gute Figur mehr: weder konnte sie in der Zwischenzeit die rasch angekündigten Satellitenbilder der Weltöffentlichkeit präsentieren, die angeblich den Abschuß der Maschine durch eine – aus Rußland stammende – BUK-Raketenbatterie dokumentieren sollten, noch gibt es andere belastbare Fakten, die auf eine russische Beteiligung oder Mitverantwortung an der Katastrophe hinweisen.

Stattdessen wurde der russische Generalstab aktiv und präsentierte auf einer Pressekonferenz am Montag seinerseits unangenehme Fakten und Fragen – etwa die nach einem ukrainischen Kampfjet vom Typ SU (Suchoi) 25 in unmittelbarer Nähe der malaysischen Boeing zum Zeitpunkt des Unglücks. Der Abfangjäger soll auf die malaysische Boeing zugeflogen sein. Der Abstand habe lediglich drei bis fünf Kilometer betragen. Dies sei das Ergebnis der Aufzeichnungen der russischen Luftraumüberwachung. Üblicherweise seien solche Kampfflugzeuge mit Luft-Luft-Raketen ausgestattet, erklärte Generalleutnant Andrej Kartopolow vom russischen Generalstab auf der Pressekonferenz.

Weder Kiew noch die USA äußerten bislang Substantielles zu diesen brisanten Informationen. Dagegen war in den letzten Tagen feststellbar, daß die amerikanischen Geheimdienste offenbar zum Rückzug blasen. Bereits am Dienstag hieß es in Washington überraschend, daß es keine „direkte Verbindung“ der russischen Regierung zum Abschuß von MH17 gebe. Die CIA kann inzwischen auch nicht ausschließen, daß es sich um ukrainische Schützen handelte.

Die amerikanischen Geheimdienste sorgten damit in der aufgeladenen Atmosphäre weiterer Sanktionsdrohungen gegen Rußland erst einmal für einen herben Dämpfer. Nach Meldungen der Nachrichtenagenturen AP und Reuters hätten US-Geheimdienstler auf einer Pressekonferenz eingeräumt, man wissen nicht, wer MH17 abgeschossen hat – nicht einmal die Nationalität sei zu bestimmen.

Bei Reuters hieß es wörtlich: „Prorussische Separatisten haben das malaysische Verkehrsflugzeug über der Ostukraine nach Einschätzung von US-Geheimdienstlern wohl versehentlich abgeschossen. Die USA wüßten aber nicht genau, wer genau die Boden-Luft-Rakete abgefeuert habe, hieß es am Dienstag aus Geheimdienstkreisen.”

Die „Los Angeles Times“ spekulierte im weiteren darüber, daß die Rebellen möglicherweise mit einem unzureichenden Radar-Gerät gearbeitet haben sollen und daher MH-17  mit einer ukrainischen Militärmaschine verwechselt haben könnten.

Jüngste Entwicklung: inzwischen wollen auch amerikanische Kommentatoren nicht mehr ausschließen, daß ein ukrainisches Kampfflugzeug in der Nähe von MH17 am Himmel war. Mehr noch: für Spannung sorgt seit einigen Tagen die Behauptung eines Rebellenführers, der in einem Interview mit Reuters gesagt hatte, Kiew habe einen Luftangriff genau zu der Zeit durchgeführt, als zivile Maschinen den Korridor durchflogen. So sollte ein Abschuß durch die prorussischen Rebellen provoziert werden.

So oder so – die ursprünglichen Anschuldigungen aus Washington haben sich Stück für Stück in nichts aufgelöst. Für eine russische Beteiligung gibt es nicht die Spur eines Beweises. Umso erstaunlicher, daß die USA und die EU trotzdem unbeirrt an verschärften Sanktionen gegen Rußland festhalten wollen.

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