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Eva Klotz und Sven Knoll

Süd-Tiroler Freiheit – Eine junge Bewegung im Einsatz für das Selbstbestimmungsrecht

Montag, 21 Juli 2014 13:32 geschrieben von  Gerhard Keil
Die Landtagsabgeordneten Eva Klotz und Sven Knoll von der Südtiroler Freiheit Die Landtagsabgeordneten Eva Klotz und Sven Knoll von der Südtiroler Freiheit Quelle: suedtiroler-freiheit.com

Bozen - Süd-Tirol – das beliebte Urlaubsziel, das aufgrund seines alpin-mediterranen Charakters nicht nur Winterurlauber anzieht, sondern mit seinen 300 Sonnentagen eine ganzjährige Erholungsempfehlung darstellt, gilt als eine der wohl authentischsten Kulturregionen Europas. Die zum UNESCO-Welterbe erkorenen Dolomiten, die in ganz Europa einzigartige Burgenlandschaft oder auch Speck, Äpfel und Käsespezialitäten von höchstem kulinarischem Reiz zeigen, daß Süd-Tirol geradezu inflationär mit Alleinstellungsmerkmalen aufwarten kann. Doch lebendig wird dies alles erst durch die Süd-Tiroler, die es beseelen. Sie, die autochthonen Süd-Tiroler, sind es letztendlich auch, die dieses Gebiet mit wohl einer der meistausgeprägten Regionalkultur innerhalb Europas ausmachen.

Doch auch in nur wenigen Regionen zeigte sich die Geschichte in einer derart einschneidenden Weise. In kaum einer Region mußte eine Volksgruppe so sehr um seine Eigenart und gegen Fremdbestimmung ringen. Ein Bemühen, das selbst bis in das heutige demokratische Zeitalter der Gegenwart noch nicht seinen Abschluß fand. Und um die heutige politische Situation, insbesondere des Erstarkens idenitärer Bewegungen wie der Süd-Tiroler Freiheit verstehen zu können, ist ein gesamthistorischer Kontext von Bedeutung. Süd-Tirols seit alters her stammesgemäß ursprüngliche Besiedlung ist bairisch und ladinisch, seine kulturelle Verwurzelung und historisch überwiegende staatliche Einbindung deutsch und österreichisch bzw. österreichisch-ungarisch. In der jüngeren Geschichte der letzten etwa 200 Jahre trat dann ein historisch gewordener Freiheitswille in Erscheinung, der sich bis in die heutigen Tage nicht selten in der Person des Sandbauern, Andreas Hofer, im Bewußtsein gehalten hat. War es damals ein Kampf gegen die imperialen Machtgelüste eines Napoleon, so ging es später gegen die Annektion durch Italien, nachdem Südtirol gemäß eines Geheimabkommens mit England, Frankreich und Rußland von 1915 dann im Diktat von Saint-Germain 1919 bis zum Brennerpass Italien zugesprochen wurde. Der Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit von Italien verstummte seither nie, auch unter den härtesten Repressionen faschistischer Herrschaft nicht. In sogenannten Katakombenschulen hielten sie generationenübergreifend an ihrer Sprache, Tradition und Kultur fest. Noch in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Personen wie Luis Amplatz in den Fußstapfen eines Andreas Hofer durch ihre bewegenden Widerstandsbiographien zu Symbolen der Freiheit.

Auch heute, nahezu einhundert Jahre nach der Zwangsangliederung an das italienische Staatsgebilde, trotz heute zugestandener Rechte, setzen sich Süd-Tiroler für das volle und ungeteilte Selbstbestimmungsrecht ein. Nach wie vor ist in 103 der 116 Süd-Tiroler Gemeinden die den südbayerischen Dialekt sprechende deutschsprachige Bevölkerung vorherrschend. In 81 Gemeinden liegt diese Mehrheit bei über 90 %. Die Situation der Süd-Tiroler verbesserte sich zwar, und seit 1972 werden in größerem Maße Selbstverwaltungsrechte zugestanden, doch die im Mai 2007 ins organisatorische Leben gerufene Süd-Tiroler Freiheit erachtet die Situation dennoch für nicht ausreichend und strebt die Unabhängigkeit Süd-Tirols bzw. die Wiederangliederung an das österreichische Tirol an. Die Süd-Tiroler Freiheit errang bei den Wahlen am 27. Oktober 2013 respektable 7,2 % und ist seitdem mit drei Abgeordneten im Landtag vertreten. Den Fraktionsvorsitz hat der 1980 geborene Human- und Zahnmediziner Sven Knoll inne, der als sein politisches Lebensmotto anführt: „Nur wenn wir es schaffen, unseren Nachkommen eine lebenswerte Heimat zu hinterlassen, können wir behaupten, unserer Verantwortung als Politiker gerecht geworden zu sein." Neben der verantwortlichen Planung der Landtagsarbeit ist er für den Kontakt zu anderen politischen Vertretungen zuständig, wobei sein Schwerpunkt auf der Zusammenarbeit mit den anderen Tiroler Landesteilen und dem Süd-Tirol-Ausschuss im österreichischen Parlament liegt. Sein Wirken sieht er in der Tradition Österreich-Ungarns begründet. Auf die kürzest mögliche Vorstellung der Süd-Tiroler Freiheit gefragt, antwortet er: „Alle Menschen und alle Völker haben das Recht auf Selbstbestimmung.“

In der Tat werden diesbezügliche Bestrebungen europaweit in steigendem Maße vernehmbar. Nach dem Zusammenbruch so mancher Kunststaaten, wie der Sowjetunion, der Tschechoslowakei oder Jugoslawien werden auch Forderungen nach Eigenständigkeit seitens beispielsweise der Schotten, der Katalanen, der Flamen, der Korsen oder der Basken laut. Im Sinne darin sich ausdrückenden Interessensübereinstimmung ist die Süd-Tiroler Freiheit ebenfalls Mitglied der „Europäischen Freien Allianz“ (EFA), einer Europapartei, die die Interessen der ethnischen Minderheiten, geteilten und staatenlosen Völker vertritt. Sven Knoll (Jahrgang 1980) spricht von einem positiven Europabild, indem ein Mehr an Europa für Süd-Tirol ein weniger an Italien bedeuten würde, warnt jedoch davor, daß die derzeitige Entwicklung der EU zu einem reinen Wirtschaftsverbund verkommt. Nach seiner Auffassung wird sich Europa nicht zuletzt am Umgang mit den Selbstbestimmungsbestrebungen messen lassen müssen. Er steht für ein Europa der Völker und weniger der Staaten.

Das Selbstverständnis der Süd-Tiroler Freiheit ist nicht das einer Partei, sondern einer Bewegung, was ihr im Hinblick auf ihre soziologische Struktur offensichtlich gerade in jüngeren Kreisen zugute kommt. Sven Knoll glaubt gerade in den letzten Jahren einen sehr starken Identitätsfindungsprozess innerhalb der Jugend zu erkennen und verspürt ein offenes Bekenntnis zu Tirol. Er spricht bewußt nicht von einer eigenständigen südtiroler Identität, sondern stets nur von einer alle Landesteile umfassenden Tiroler Identität, die er jedoch nicht allein an der Sprache festmacht. Identität, die für ihn ein Menschenrecht darstellt, bedeutet für ihn auch Gemeinschaftsgefühl, das der Pflege bedarf.

Den derzeitigen Autonomiestatus betrachtet die Süd-Tiroler Freiheit zwar als temporär akzeptable Übergangslösung, sieht dies allerdings nicht als Endpunkt der Geschichte an. Das heutige Konstrukt wird von ihr nicht als geeignet angesehen, im fremdnationalen Staat die eigene Sprache und Kultur nachhaltig zu bewahren. Tirol ist nördlich wie südlich des Brenners nicht nur dasselbe Land mit denselben Menschen, sondern weist infolgedessen auch vergleichbare Wirtschafts- und Kulturstrukturen auf, aus denen kooperative Synergieffekte generiert werden sollten. Zwar bestehen inzwischen starke Wirtschaftsverbindungen zu Italien, begründen jedoch noch lange keine Abhängigkeit, zumindest aus Sicht Süd-Tirols. Im Gegenteil verursacht die Zugehörigkeit zu Italien sogar Kosten, wie Untersuchungen Süd-Tiroler Wirtschaftsinstitute ergaben, die weiter eine eigenständige Überlebensfähigkeit Süd-Tirols konstatieren. Sven Knoll hielte ein mit den anderen Tiroler Landesteilen vereintes Tirol für potentiell eine der stärksten Wirtschaftsregionen in Europa.

Auf die aktuelle Tagespolitik angesprochen verweist er auf raumordnungs- und landesplanerische Fehlentwicklungen hinsichtlich der traditionell gewachsenen Siedlungsstruktur und charakteristischen Architektur. Er beklagt den Verlust historischer Bausubstanz in den letzten Jahren und das Aufkommen gesichtsloser Neubauten. Beispielgebend führt er in diesem Zusammenhang die Diskussion um die Schutzhütten an, die drohen, abgerissen zu werden, um sie durch nicht ins Landschaftsbild passende Neubauten zu ersetzen. Allgemein erlauben es die gegenwärtigen Mehrheitsverhältnisse im Landtag schwerlich gestaltend zu wirken, sodaß sich die Süd-Tiroler Freiheit noch überwiegend im Stadium der meinungsbildenden Tätigkeit befindet. Dies allerdings mit zunehmendem Erfolg wie steigende Mitgliederzahlen belegen. Dem Fraktionsvorsitzenden Sven Knoll geht es dabei in seiner Arbeit nach eigenen Worten nicht um parteipolitische Profilierung, sondern einzig um Inhalte. Die Süd-Tiroler Freiheit scheut sich aus diesem Grunde auch nicht, sich ggf. bei Beschlüssen mit anderen Parteien zusammenzuschließen, wie er betont. Womöglich profiliert sie sich gerade dadurch als glaubwürdig. Angesichts der bevorstehenden Abstimmung in Schottland führt die Süd-Tiroler Freiheit inzwischen bereits direkte Gespräche mit den Parteien des italienischen Parlaments, um diese über den Wunsch nach Selbstbestimmung in Süd-Tirol zu informieren. Als einen ihrer bislang größten Erfolge sieht die Süd-Tiroler Freiheit das von ihr 2013 initiierte Probereferendum unter allen wahlberechtigten Süd-Tirolern an, in dem sich mehr 90 % für die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts aussprachen. - Eine unzweifelhaft interessante Bewegung, deren Tradition sich vielleicht als antifaschistisch-identitär verorten läßt. Und unter Umständen wird ja die wechselvoll Geschichte Tirols dereinst doch noch zusammenwachsen lassen, was zusammen gehört.

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