www.derfflinger.de

Freigegeben in Politik

Neues Buch von Sebastian Maaß will aufklären

Sebastian Maaß: Was will die „Neue Rechte“?

Donnerstag, 11 Dezember 2014 14:12 geschrieben von  Johann W. Petersen
Sebastian Maaß Sebastian Maaß Quelle: Derfflinger.de

Magdeburg - Der Historiker Sebastian Maaß zählt zu den produktivsten Verfassern politischer Biographien. In den letzten Jahren veröffentlichte er zahlreiche Einführungen in das Werk bedeutender Denker der Konservativen Revolution wie Edgar Julius Jung, Arthur Moeller van den Bruck, Othmar Spann, Oswald Spengler oder Friedrich Georg Jünger. Nun hat er mit seinem im Regin-Verlag erschienenen Werk „Die Geschichte der Neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland“ das Wirken jener intellektuellen Strömung nachgezeichnet, in der manche die heutigen Epigonen jener „konservativen Revolutionäre“ aus Weimarer Zeiten vermuten.

Der Begriff der „Neuen Rechten“ ist überaus vielschichtig und umstritten. Laut vorherrschender Politologendefinition übt die „Neue Rechte“ eine Scharnierfunktion in der „Grauzone“ zwischen Rechtsextremismus und Konservatismus aus, wobei ihr oftmals unterstellt wird, dass sie sich der politischen Mimikry bediene, um ihre wahren Absichten zu verschleiern. Ziel der „Neuen Rechten“ sei es, den politischen Diskurs nach rechts zu verschieben, um so den Boden für einen grundlegenden Systemwandel zu bereiten.

Umstrittener Begriff

Dieter Stein, Gründer und Chefredakteur der „Jungen Freiheit“, die, trotz ihrer inhaltlichen Wandlung, von linker Seite bis heute als eine Art Leitorgan der „Neuen Rechten“ angesehen wird, hat bereits in seinem 2005 erschienenen Buch „Phantom ‚Neue Rechte‘“ diese für ihn zutiefst kontaminierte Begrifflichkeit verworfen.

Die Bezeichnung „Neue Rechte“, so Stein, sei zunehmend zu einem Kampfbegriff des politischen Gegners mutiert, um den „Extremismus-Begriff tief in die bürgerliche Mitte auszuweiten“. Daher sei der Begriff als Eigenbezeichnung einer „demokratischen Rechten“, die sich deutlich vom sogenannten „Rechtsextremismus“ abgrenze, denkbar ungeeignet. Die „Neue Rechte“, wie sie sich linke Politikwissenschaftler und Soziologen vorstellten, existiere in dieser Form gar nicht, sondern sei vielmehr ein Phantom, eine Art Popanz, der dazu benutzt werde, die „demokratische Rechte“ zu diskreditieren.

Sebastian Maaß behandelt den Begriff „Neue Rechte“ in seinem Buch hingegen wertneutral und hält ihn geeignet zur Charakterisierung einer Ideenströmung, die bestrebt ist, Reformen im politischen und im gesellschaftlichen Bereich voranzutreiben und gewissermaßen die „Errungenschaften“ der 68er zu revidieren. Er differenziert dabei zwischen einem „bürgerlichen“ Flügel, für den Akteure wie Rainer Zitelmann, Caspar von Schrenck-Notzing oder Karlheinz Weißmann standen oder stehen, und einen „nationalen“ Flügel um Köpfe wie Günter Maschke, Hans-Dietrich Sander oder Björn Clemens. Dieser „nationale Flügel“, so der Autor, vertrete zwar oft radikale Ansätze, verlasse jedoch den Boden der Rechtstaatlichkeit zu keiner Zeit. Die Übergänge zwischen den beiden Flügeln seien fließend, oftmals falle die Einordnung schwer, insbesondere bei Vertretern, die „zwischen den Stühlen“ ihren Platz gefunden haben.

„Rechtsextreme“ Arbeit?

Dass diese eher wohlwollende Betrachtung der „Neuen Rechten“ im heutigen Wissenschaftsbetrieb unerwünscht ist, hat Maaß am eigenen Leib zu spüren bekommen. Ursprünglich als Dissertationsschrift geplant und von seinem Doktorvater, dem Chemnitzer Neuzeithistoriker Frank-Lothar Kroll, schon mit der Note „cum laude“ (2,0) bewertet, sah sich der Promovend urplötzlich dem Verdacht ausgesetzt, eine „partiell rechtsextreme“ Arbeit abgeliefert zu haben. Deswegen trat der ebenfalls an der TU Chemnitz lehrende Politikwissenschaftler Eckhard Jesse einen Tag vor der mündlichen Prüfung von seinem Promotionsvorsitz zurück.

Maaß und mit ihm sein Doktorvater Kroll hofften auf eine Nachholung des Prüfungstermins zu einem späteren Zeitpunkt, doch inzwischen hatte sich Jesses Kollege Gerd Strohmeier eingeschaltet und Maaßens Dissertation sogar eine „verfassungsrechtliche Bedenklichkeit“ unterstellt. Im weiteren Verlauf wurde auf Kroll offenbar ein immenser Druck ausgeübt, so dass dieser, kurz bevor die Sache vor dem Fakultätsrat landete, seinen Promovenden bat, sein Vorhaben freiwillig zurückzuziehen, was dieser dann schlussendlich auch tat.

Dabei genügt „Die Geschichte der Neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland“ wissenschaftlichen Kriterien durchaus. Das Buch bietet einen guten Überblick über die „Neue Rechte“ – von ihrem „Ahnherrn“ Armin Mohler über die Rezeption der französischen „Nouvelle Droite“ um Alain de Benoist in den siebziger und achtziger Jahren, die gescheiterten Versuche von Rainer Zitelmann, Ulrich Schacht, Heimo Schwilk, in den neunziger Jahren im Fahrtwind der Wiedervereinigung eine Renationalisierung herbeizuführen, bis zu heutigen, teilweise recht unterschiedlichen Vordenkern und Protagonisten jener schwer über einen Kamm zu scherenden Strömung wie Karlheinz Weißmann, Götz Kubitschek, Günter Maschke oder Björn Clemens. Ob Maaß bei der Gewichtung der dargestellten Personen und Zusammenhänge immer ganz richtig liegt, ist allerdings eine Frage, über die sich streiten lässt. So ist das Kapitel über Henning Eichberg relativ schmal ausgefallen, während der Düsseldorfer Rechtsanwalt und Schriftsteller Björn Clemens sehr ausführlich dargestellt wird.

Optimistischer Ausblick

Sebastian Maaß lässt – zumindest in der Buchform seiner Studie – keinen Zweifel daran, dass neurechtem Gedankengut aufgeschlossen gegenübersteht und wohl insbesondere für den „nationalen Flügel“ große Sympathien hegt, was teilweise schon ein wenig in Apologie abgleitet. Zugleich dokumentiert Maaß aber auch das Scheitern „neurechter“ Denkansätze, die zum einen in äußeren Faktoren begründet liegen, zum anderen aber in hausgemachten Fehlern. Ihrem erklärten Anspruch, den politischen Diskurs in der Bundesrepublik metapolitisch beeinflussen und in eine andere Richtung verschieben zu wollen, konnte sie – zumindest bislang – nicht gerecht werden.

Dennoch zeigt Maaß Zuversicht, wenn er schreibt: „Obwohl die Neue Rechte im gesellschaftlichen Kontext eine marginale Erscheinung ist, sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um eine vitale, im regen intellektuellen Austausch befindliche Gruppe handelt, die sicherlich zahlenmäßig wachsen und an Einfluss gewinnen könnte.“ Ob dieser Optimismus berechtigt ist, wird sich künftig auch daran messen lassen müssen, ob neurechtes Gedankengut Niederschlag im politischen Raum finden wird. Bislang gibt es dafür wenig Anzeichen.

Sebastian Maaß: Die Geschichte der Neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland

Regin, 368 Seiten, geb. im Großformat, € 39,95

ISBN 978-3-94124-744-4

www.regin-verlag.de

Letzte Änderung am Samstag, 13 Dezember 2014 02:38
Artikel bewerten
(10 Stimmen)